Ausgabe 
(5.9.1883) 71
 
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Wie kannst Du das wissen, Bertha?" frug ihre Mutter.

Natürlich kann ich das nicht wissen, Mama; es ist nur eine Vermuthung.«

Nachdem sie endlich mit dem Theetrinken fertig waren, stellte MrS. Dalton denZucker und Johannisbeergölä in den schweren, altmodischen Schrank und schellte demMädchen, um den Tisch abzutragen. Bertha ging zu ihrem Arbeitskörbchen, nahm einStückchen Silberpapier, wickelte den Ring hinein und legte ihn in ihre Börse.So, dakannst du nun liegen bleiben bis morgen, wo hoffentlich dein Eigenthümer entdeckt werdenwird«, sagte sie und nahm dann ihr Schreibpültchen zur Hand, da ste die Aufgaben ihrerSchülerinnen über Harmonielehre nachzusehen hatte.

Lena erhob sich ebenfalls, um ihre Arbeit zu nehmen, und nun konnte man be-merken, daß sie einen mit langer Schleppe versehenen, blauseidenen Rock mit einer hübschenschwarzsammtnen Tunika trug. Als Sara die Theeserviette wegnahm, stellte Lena einreizendes Arbeitskästchen auf den Tisch; in demselben befand sich eine kleine Spitzen«arbeit, ähnlich dem Kragen und den Manschetten, welche sie selber trug.

Bitte, räume mir ein klein wenig Platz an dieser Seite des Tisches ein, Lena;ich bin so kalt", sagte Bertha, das Schreibpültchen in der Hand haltend, während einFrösteln durch ihre Glieder fuhr.

Meinst Du, ich wäre nicht kalt?« entgegnete ihre Schwester, ein wenig zur Seiterückend.

Bist Du heute ausgewesen?" frug Bertha, während sie sich niedersetzte.

Aus? Nein, gewiß nicht bei so kaltem, schlechtein Wetter."

Ich glaube kaum, daß eS für Dich schlechter war, als für mich."

Du vergissest den Unterschied, Bertha", schaltete Mrs. Dalton ein, indem sie dasMagazin", in welchem sie den Thee erwartend gelesen hatte, wieder zur Hand nahm.Du weißt, daß ich Lena nicht allein ausgehen lassen kann und es war mir zu naß, umsie zu begleiten."

Bertha verstand sehr wohl, was ihre Mutter mit demUnterschiede" meinte.Lena war sechszehn Monate älter, als sie, und von frühester Jugend an war es Berthaeingeprägt worden, daß Lena eine Schönheit sei, und sie sich in keiner Beziehung eineshübschen Aussehens rühmen könne. Oftmals in letzterer Zeit mußte Bertha im Stillendarüber nachdenken, ob sie nicht vielleicht auch hübscher und frischer aussehen würde,wenn ihr Vater noch lebte, und dadurch die Vermögensverhältntsse besser wären, undsie nicht so anstrengend zu arbeiten habe. Es war wahrlich kein Wunder, daß zuweilenihre Wangen bleich und die Augen müde waren und wenn sie sich so ermattet fühlte,schmerzte es sie doppelt, den Vorwurf hören zu müssen, daß es ihr an Frische undLebendigkeit fehle.

Der Charakter sowohl wie die Erziehung Bertha's ließen sie meistens alle Dingevon der besten Seite auffassen, nur wenn sie sich gar so matt und abgespannt fühlte,tauchte der Gedanke, ein hartes Loos habe sie getroffen und die ältere Schwester könnewohl auch einen Theil der Arbeit übernehmen, in ihrer Seele auf; doch war sie imAllgemeinen zufrieden. Sie freute sich ihrer hübschen Heimath, wenn sie nach vollbrachtemTagewerke dorthin zurückkehrte und obschon sie und die Ihrigen keine ausgedehnte» Be-kanntschaften hatten, besaßen sie doch einige angenehme Freunde, deren Gesellschaft sieliebte. Nein, Bertha Dalton war nicht unglücklich; sie hatte das beruhigende Bewußt-sein, ihre Pflicht treu zu erfüllen und kannte die Langeweile, über die Lena sich oft sobitter beklagte, gar nicht. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie zuweilen ein Gefühl vonNiedergeschlagenheit empfand; aber sie kämpfte muthig dagegen an und setzte voller Ver-trauen den Weg fort, welcher ihr von der Vorsehung war bezeichnet worden; ihn willigzu verfolgen, erkannte sie als ihre heiligste Pflicht.

(Fortsetzung folgt.)