Ausgabe 
(5.9.1883) 71
 
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Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffe,rbrirg.

Von vo. Ludwig Herrmann.

IN.

Von Wertheim nach Aschaffenburg .

Die Lohr-Wertheimer Bahn endet in Wertheim . Von dort führt eine gute Land-straße längs des linken MainuferS nach der 7 Stunden entfernten Stadt Miltenberg , vonwo man sich auf der Aschaffenburg-Miltenberger Bahn nach Aschaffenburg begeben kann.In Wertheim und in Miltenberg findet man gute Mieths« und Postchaisen, welche denWeg zwischen diesen beide» Städten in 33'/^ Stunden zurücklegen. In diesem Theildes Mainthals waltet die Romantik vor. Auf beiden Seiten erblicken wir hohe bewaldeteBerge, die bald dicht an die Gestade herantreten und den Strom in ein engeres Bettpressen, bald sich wieder etwas vom Ufer entfernen. Der Main windet sich in mannig-fachen Krümmungen um die Berge, fast jede Beugung bildet durch die im Vorder- wieim Hintergründe vorspringenden Berge und Felsen ein abgeschlossenes Ganze, ein neuesLandschaftsbild, dessen Reiz durch die auf den Höhen auftauchenden Burgruinen aus derFeudalzeit erhöht wird. Die frühere Fahrt auf den Maindampfern bot mir HähernGenuß als die Landfahrt; denn bei jener zogen die verschiedenen landschaftlichen oftkontrastirenden Szenerie?» wie eine Wandeldekoration vorüber und das Auge umfaßtedie Einzelbilder ganz.

Gleich unterhalb Weltheim steigen am linken Ufer felsige Berge, die Gipfel mitWald bedeckt, schroff empor und lassen der Landstraße kaum genügenden Raum. Tosendumströmt-der Main einen Berg, an dessen zerklüfteten Buntsandsteinfelsen sich die Häuserdes DorfesBestenheid " anlehnen. Hinter diesem Berg erhebt sich ein massiver Berg,derSporkert", auf dessen Gipfel sich die Trümmer einer allemannischen Grenzwehrbefinden. Etwas unterhalb Bestenheid am rechten Ufer erscheint an der Mündung desromantischen Spessarter Haßlochthales das freundliche Dorf Haßloch , umgeben von Reben-terrassen, auf denen ein vorzüglicher Wein wächst. Hier ergießt sich die forellenrsichsHassel in den Main . Sie treibt zehn Mühlen und ein Hammerwerk.

Gehen wir das anmuthige Haßlochthal etwa eine Stunde aufwärts, so eröffnetsich uns «in bewaldetes enges Seitenthal, eine Art von Waldschlucht, hier liegt in einemumbuschten Wiesengrunde dieKarthause Grünau", ein passender Ort für Karthäuser-Mönche, deren strenge Ordensregeln Einsamkeit in abgeschlossenen Zellen, fortwährendesSchweigen und Enthaltung von Fleischnahrung vorschreiben. Düstere Stille umlagertden einsamen Thalgrund, aber seine Waldberge athmen erfrischende Lebenslust aus. DieGräfin Elisabeth von Hohrnlohe, geb. Gräfin von Wertheim , stiftete im Jahre 1328dies Kloster zur Sühne; die leidenschaftliche Jägerin Hatte dort ihren Gemahl getödtet,den sie im Waldesdickicht für ein Wild gehalten. Das im Jahre 1803 aufgehobeneKloster wurde mit seinen Gütern dem Grafen Löwenstein-Wertheim-Freudenberg über-geben, das Konventsgebüude, jetzt Wohnung des Oekonomiepächters, ist noch vorhanden,aber im verfallenden Zustand, das Refektorium wurde in eine Scheuer umgewandelt, dieKlosterkirche sammt den Altären und den Mönchszellen auf den Abbruch verkauft, unterfreien: Himmel stehen sieben hohe mittelalterliche Leichensteine von Karthäusern einwiderliches, mir den Waldfrieden störendes Bild! In der Umgebung sind mehrere gutangelegte kristallhelle Forellenbäche und Teiche. In neuester Zeit wurde hier eine An-stalt für künstliche Fischzucht errichtet. Die an den Mainufern sehr häufig vorkommendeFlußotter (Imtrn innsor), der gefährlichste Feind der Fische, steigt die in den Strommündende Bäche hinauf und richtet arge Verwüstungen an. Jetzt wird auf dieses Raub-thier gefahndet, sein Pelz, welcher dem des Bibers ähnelt, ist eine köstliche Beute desJägers. In jener Gegend liegt auch derSteckenhahn", ein steiler Berg, auf dessenGipfel man Spuren einer allemannischen Grenzwehr sieht; sie korrespondirte mit denfrüher angeführten Grenzwehren. In denMainsagen" (gesammelt von Alexander Kauf-