„Glücklicher Sterblicher!" rief Douglas aus, nachdem er schweigend einige Zeitweiter geraucht hatte. „Du darfst doch Deinen eigenen Ideen nach Lust und Geschmackfolgen und hast nicht nothwendig, Dich nach vollblütigen, älteren Herren over geistlosenFrauen, alt und jung zu richten, welche alle ihre lieblichen Fratzen einer bewunderndenNachwelt zu hinterlassen wünschen. Auch brauchst Du nicht den dummen Mädchen derTöchterschule Unterricht zu ertheilen. Doch, nebenbei bemerkt, ich habe kürzlich in einerSchule, wo ich unterrichtete, ein- reizende kleine Musiklehrerin angetroffen", fuhr er,seine schwülstige Redeweise unterbrechend, in gewöhnlichem Tone fort. „Wirklich, St.Lawrence, noch nie in meinem Leben verspürte ich solche Neigung, mich ernstlich zu ver-lieben. Es ist ein so liebes, artiges Mädchen — nicht gerade eine Schönheit, aber ganzwie dazu geschaffen, einen Burschen glücklich zu machen."
„Hört, hört!" rief St. Lawrence. „Schließlich werden wir Charles Douglas dochnoch als ehrsamen Hausvater antreffen."
„Ich glaube wirklich, daß ich vielen häuslichen Sinn besitze", erwiderte dieser.„Wenn sich doch nur irgend eine Berühmtheit oder eine moderne Schöne von mir wolltemalen lassen, um meinen Naiven berühmt zn machen. Aber die kommen nicht zu mir,und ich kann doch nicht eine Frau heirathen, mit der Aussicht, daß sie sich zu Todeplagen muß. Ein solcher Unmensch ist Charles Douglas noch nicht."
„Welchen Namen führt denn die unvergleichlich Liebreizende?"
„Nein, zum Henker, Las ist nicht ehrlich!" rief Douglas , den Nest seiner Cigarrein's Feuer werfend, aus. „Ich werde mich wohl hüten, ihn Dir, o ruhmvoller Apollo,mitzutheilen, Du möchtest mich verdrängen. Zudem weiß ich ihn selbst nicht genau; wasliegt auch daran, im Gegentheil, es ist besser so, denn es wäre mir ganz unmöglich,durch meine süßen, Honigfließenden Serenaden eine Miß Smith oder Miß James zuverherrlichen. Wer weiß, ob sie nicht auch noch einen widerwärtigen Vornamen, wieSara oder Martha u. dergl. besitzt. Offen gestanden hatte ich schon einmal die Absicht,ihr ein Billet, welches eine Antwort erforderte, zu schreibe^ aber wahrscheinlich würdedas mich auch nicht darüber aufgeklärt haben, und wenn ich nun vorziehe, sie im Geisteals reizende Amaryllis anzureden, so kümmert das ja Niemanden."
„Angenommen, ich mache ausfindig, wer es ist", sagte lachend St. Lawrence. „Einhalbgeschenktes Vertrauen erweckt die Neugisrde. Was das Dich Verdrängen anbelangt,so weißt Du doch wohl, daß ich keine gefährliche Persönlichkeit bin", fügte er ernsterhinzu. „Ein Mann ohne Namen darf nicht an's Heirathen denken."
„Pah! Du wirst Dir einen Namen schaffen; ich wünschte nur dasselbe mit solcherGewißheit auch von mir sagen zu können", bemerkte sein Freund. „Aber wie viel Uhrist es? Sollen wir nicht etwas ausgehen?"
„Wie Du willst."
„Und dann würde ich mich an Deiner Stelle immer tüchtig umschauen, wenn ichmit anderen Menschen zusammen käme; vielleicht entdeckst Du zufällig einen Leitfadenaus diesem Labyrinth, wo Du ihn am Wenigsten erwartest. Nun komm!"
Die beiden jungen Leute zogen ihre Usberröcke an, setzten die Hüte auf uns schrittenrüstig in's Freie.
Viertes Capitel.
Die Vorbereitungen auf den baldigen Ausflug beschäftigten in angenehmster WeiseLena und Bertha Dalton. Endlich nahte der glückliche Tag, der sie den Arbeiten undSorgen und dem einförmigen Leben in London entführen sollte; voller Jubel und Ent-zücken nahmen sie ihre Sitze im Eisenbahnwaggon ein; Lena träumte schon von den Er-oberungen, die sie machen werde, und Bertha freute sich herzlich, liebe alte Bekanntewiederzusehen und einige Zeit ihrer schweren Pflichten entbunden zu sein.
Mrs. Dalton war die Wittwe eines Marineoffiziers; Capitain Dalton hatte sichseiner Zeit durch Tapferkeit ausgezeichnet; im Krimkriege wurde er verwundet und warin Folge davon vor drei Jahren gestorben. Noch in vorgerückten Jahren schloß er diese