Ausgabe 
(12.9.1883) 73
 
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Heirath; das hübsche Gesicht und anziehende Benehmen seiner nachherigen Frau hatteihn dazu verleitet; aber zu spät entdeckte er, daß die fesselnde Außenseite nur sehr weniginneren Werth barg. Man konnte Mrs. Dalton nicht gerade unliebenswürdig nennen;doch war sie oberflächlich, einfältig und sehr von sich eingenommen. Diese Eigenschaftenmachten es ihr unmöglich, ihrem Gatten eine liebende Gefährtin oder weise Hausfrauzu sein. Jeden Pfennig, dessen sie habhaft werden konnte, benutzte sie zu ihren eigenen,unnöthigen Anschaffungen, und die häufig gemachten Schulden zerstörten manchmal denFrieden des Hauses. Glücklicherweise war Capitain Dalton ein vorsichtiger Man», erdachte an die Zukunft seiner Töchter, und bei seinem Tode besaß Mrs. Dalton eineEinnahme, welche allen ihren Bedürfnissen hätte hinreichend entsprechen müssen. Dieälteste der beiden Töchter war aus einem hübschen verzärtelten Kinde zu einer schönenJungfrau herangewachsen. Mrs. Dalton würde es entschieden in Abrede gestellt haben,daß sie ihre ältere Tochter der jüngeren vorziehe; aber sie war stolz auf Madelina;diese war in ihren Augen dazu berufen, der Familie zu Ansehen und Reichthum zu ver-helfen.Lena wird ganz gewiß eine vortheilhafte Heirath schließen", sagte die närrischeMutter, und das bildete den Endzweck bei der Erziehung Lena's.

Diese begriff sehr bald die Aufgabe, welche ihr oblag, und da sie mehr Verstandund Charakterstärke als ihre Mutter besaß, so errang sie leicht die Herrschaft über die-selbe und richtete sich ihre Lebensweise ganz nach ihrem eigenen Geschmack und ohne vieleRücksichten auf andere zu nehmen, ein.

Bertha war ihres Vaters Liebling gewesen; er hatte gewünscht, die Erziehungseiner Töchter selbst zu leiten; bei Lena gelang ihm dieses nicht, dagegen fand er inBertha eine kluge gelehrige Schülerin und in seiner späteren Krankheit eine liebevolle,unermüdliche Pflegerin.

Sie fühlte tief den Tod ihres Vaters. Es war ihr erster großer Kummer. Mutterund Schwester hatten ihr nie viel Gutes erwiesen; sie benutzten sie nur zu ihrer eigenenBequemlichkeit und deshalb war sie ihnen unentbehrlich.

Mrs. Dalton's Einkommen hätte ausreichen müssen, aber sie konnte ihren vielen,unnöthigen Ausgaben nicht entsagen, und so entdeckte sie nach Ablauf des ersten Jahreszu ihrem größten Schrecken, daß ihre Auslagen die Einnahme bedeutend überschritten.Aber sie fand nichts, worin sie sich einschränken könne, durchaus nichts, wie sie Lenagegenüber äußerte, und da kam ihr plötzlich eine herrliche Idee.

Bertha ist sehr musikalisch ausgebildet; sie soll Unterricht darin ertheilen", beschloßMrs. Dalton.Das wird doch wenigstens hundert Pfund das Jahr einbringen; dieHälfte davon reicht aus, um Lena's Rechnung bei der Kleidermacherin zu bezahlen, undmit der anderen Hälfte können wir während des Sommers einige Wochen ein Seebadbesuchen. Es ist so unangenehm, in London zu bleiben, wenn Jedermann verreist, unddann später sagen zu müssen, wir sind gar nicht weg gewesen."

So überlegte Mrs. Dalton und theilte Bertha ihre Entscheidung mit. Zuerst er-schrack diese, da sie nicht ganz sicher war, ob ihr Vater diese Lebensweise für sie wünschenwürde. Aber gewohnt, nie und nimmer vor einer von ihr geforderten Pflicht zurück-zuschrecken, gab sie ihre Einwilligung und hatte bald so viele Schülerinnen, daß ihr kaumZeit zur nothwendigen Erholung übrig blieb.

Räch einigen Monaten, als die Anstrengungen ihre Kräfte beinahe überstiegen,machte sie den Vorschlag, Lena möchte ihr ein paar Stunden abnehmen, aber dieseAeußerung rief einen solchen Sturni heftiger Vorwürfe hervor, daß sie nie mehr eineähnliche Bemerkung wagte und sich geduldig und ergeben in ihr Schicksal fügte.

Lena muß sich gut verheirathen, und da darf ihre Schönheit nicht jedem Windund Wetter ausgesetzt werden", erklärte Mrs. Dalton.Du wirst hingegen auch späterdarauf angewiesen sein, Dir Dein Brod selbst verdienen zu müssen."

Bertha entgegnete nichts auf diese letzte Behauptung, obschon sie nicht einsehenkonnte, weshalb dieser Unterschied zwischen ihr und Lena durchaus bestehen solle.