Ausgabe 
(12.9.1883) 73
 
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Den größten Kummer bereiteten ihr aber diese Heiraths-Speculationen; sie ver-setzten ihren jungfräulichen Stolz und ihr Zartgefühl. Gleich anderen jungen Mädchenträumte auch sie von ihrer Zukunft, aber die Ehe war in ihren Augen ein heiliger Stand,in den man ohne die stärkste und die wahrhafteste Liebe nicht eintreten dürfe. Sie würdees vorgezogen haben, bis zu ihrem Lebensende angestrengt zu arbeiten, als sich an denMeistbietenden zu verkaufen. Doch hatte sie, um allen Hader zu vermeiden, Schweigengelernt und machte nur ab und zu eine freundliche oder scherzende Einwendung.

Sir Stephan Langley, welcher ein Amt in Plymouth bekleidet hatte, war sehr be-freundet mit Capitain Dalton gewesen; er schätzte die ganze Familie und war der PatheBertha's. Der ehrenwerthe Herr, jetzt schon ein alter Mann, hatte seine Stelle nieder-gelegt und eine Villa in der Nähe Lord Alphingtons bezogen. Die verstorbene GräfinAlphington und Lady Langley waren intime Freundinnen gewesen» und Lord Alphingtonhatte schon lange den Wunsch geäußert, sie möchten in die dortige Gegend ziehen.

Wie gewöhnlich verwandte man die größte Sorgfalt auf Lena's Toilette.Mankann ja nicht wissen, wen ihr dort antreffen werdet", meinte Mrs. Dalton.Und ausdem Erlös für Bertha's Stunden erhielt Lena ein neues Seidenkleid, sowie ein elegantesMorgen-Costüm und einen modernen Hut. Für Bertha wurde ein altes grauseidsnesKleid der Mutter zurecht gemacht.

Bertha empfand keinen Verdruß hierüber; sie war nicht putzsüchtig, so lange siereinlich und nicht auffallend gekleidet war, fühlte sie sich gänzlich zufrieden gestellt.

Ueber den Opalring, den Bertha noch immer trug, da der rechtmäßige Eigenthümernicht aufgefunden worden, fand eine Erörterung statt.Du nimmst besser den Ringnicht mit auf's Land", sagte Mrs. Dalton, Du möchtest ihn verlieren."

Das denke ich nicht, Mama", erwiderte Bertha, die Gluth des Steines an ihremFinger beobachtend.

Ich glaube, Bertha ist abergläubisch in Betreff des Ringes", bemerkte Lena.

Nicht gerade abergläubisch", wandte ihre Schwester lächelnd ein;aber ich mußdoch gestehen, daß ich manchmal allerlei romantische Ideen damit in Zusammenhang bringe."

Auf alle Fälle ist es besser, Du nimmst ihn nicht mit. Dort auf dem Land wirstDu nichts Näheres darüber erfahre». Ich will ihn aufheben, dann ist er in Sicherheit."

Wie Du wünschest, Mama", antwortete Bertha. Und so händigte sie ihn zögerndam Morgen der Abreise ihrer Mutter mit den Worten ein:

Nimm ihn nur gut in Acht, Mama."

Natürlich, sei doch nicht so kindisch, Bertha."

Die Fahrt mit der Eisenbahn dauerte nur zwei Stunden und dann nahm derWagen des Sir Langley die beiden Reisenden in Empfang. Nach kurzer Zeit erreichtensie ihren Bestimmungsort,Larkspur" genannt, und wurden vom Hausherrn: freundlichbewillkommnet.

Nun, Lena", sagte er, ihr beim Aussteigen helfend,so blühend wie immer, wie>ch sehe. Ich muß unsere jungen Herrchen warnen, ihre Herzen in sicheren Gewahrsamzu nehmen. Und hier ist meine kleine Freundin Bertha! Ich bin glücklich, Dich wieder-zusehen, mein Kind. Aber was ist das? Woher stammen diese bleichen Wangen? Das*>arf nicht sein, wir werden Dich so lange hier festhalten, bis Du eben so blühend aus-siehst, wie Deine Schwester."

Bertha lächelte und versicherte ihrem alten Freunde, daß sie ganz wohl sei.Er-innern Sie sich nicht mehr, daß Sie michMariablümchen" zu nennen pflegten? Unddiese sind ja immer blaß."

Sir Stephan schüttelte den Kopf, hatte aber keine Zeit, den Gegenstand weiter zuerörtern, da Lady Langley hinzutrat, um ihre Gäste zu begrüßen. Nach einer herzlichenUmarmung geleitete eine Dienerin die beiden Mädchen zu den hübschen, für sie bereit-stehenden Zimmern; gleichzeitig bot sie ihre Dienste an und theilte ihnen mit, daß dasMittagessen nach Ablauf einer halben Stunde stattfinden werde. Nachdem sie die Koffer