Ausgabe 
(12.9.1883) 73
 
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hinaufbesorgt und losgeschnallt hatte, zog sie sich, da die Schwestern, welche gewohntwaren, sich gegenseitig zu helfen, ihre Dienste abgelehnt hatten, zurück.

Fünftes Capitel.

Hah, wie köstlich ist das!" rief Lena aus, indem sie sich in einen Sessel warfund das elegant ausgeschmückte Zimmer betrachtete,so wäre es gerade nach meinemGeschmacke. Sei so freundlich und packe meine Sachen aus, ich bin etwas müde. HeuteAbend wird es wohl nicht nöthig sein, sich besonders zu putzen, da vermuthlich keinFremder hier ist; mein blauseidener Rock und der weiße Musselin-Ueberivurf mit denblauen Schleifen, werden genügen. Und dann könntest Du mich wohl frisiren, Bertha,Du verstehst das so gut."

Ohne jegliche Erwiderung öffnete Bertha das Koffer ihrer Schwester, und nahmdie gewünschten Sachen heraus; dann packte sie für sich das bekannte schwarzseidene Kleid,welches sie mit billiger weißer Spitze etwas aufgefrischt hatte, aus.

Wenn Du wünschest, daß ich Dich frisiren soll, Lena, so mußt Du Dich beeilen.Vergiß nicht, daß Stephan strenge auf Ordnung hält. Wehe uns, wenn mir nicht fertigsind, sobald die Tischglocke läutet."

Natürlich sind wir das", entgegnete Lena aufspringend. Der Anblick des hübschenKleides, in welchem sie gewiß recht vortheilhaft aussehen werde, hatte sie plötzlich zurThätigkeit ermannt.

Wie langweilig von Dir, Bertha, nun hast Du schon mit Deiner Frisur begonnen,gerade da ich wünschte, daß Du die mcinige machen solltest."

Ich bin in einer Minute fertig", entgegnete diese:ich that es nur, um Zeit zusparen."

Während sie sprach, legte sie rasch ihr Haar um den Kopf, befestigte eine Rosa-schleife darin und begann dann die üppigen Flechten ihrer Schwester in Ordnung zubringen; es war prächtiges, seidenes Haar mit goldigem Scheine, und die Krone derreichen Flechten paßte vortrefflich zu dem schönen Antlitz.

Da, nun spute Dich, Lena", sagte Bertha, als die Glocke das erste Zeichen gab.Ich werde in fünf Minuten fertig sein."

Als sie in's Wohnzimmer eintraten, bemerkten sie, daß nur der Rektor des Dorfesund ein junger Seemann, welcher ihnen als Frank Holcroft vorgestellt wurde, zugegenwaren.

Welch dumme Gesellschaft", flüsterte Lena ihrer Schwester zu, bevor sie zu Tischegingen.

Beim Diner gewann Bertha das Herz des jungen Seemannes vollständig, indemsie seinen vielen Erlebnissen aus der See mit Interesse zuhörte. Der Nector lenkte dirUnterhaltung auf Lord Alphington.

Es ist recht traurig", sagte er,daß es sich gar nicht feststellen läßt, ob Mr.Faucourt einen rechtmäßigen Sohn hinterlassen hat; nun da Lord Chalfont und seinebeiden Söhne todt sind, wird ja der Titel erlöschen."

Das war eine schmerzliche Begebenheit", bemerkt« Lady Langleyund wie ichglaube, hat Lord Alphington später herausgefunden, daß sein Sohn nicht so sehr zutadeln war, als er Anfangs vermuthet hatte. Die arme Lady Alphington grämte sichzu Tode Faucourt war ihr Liebling."

Ist es wahr, daß ein muthmaßlicher Erbe aufgetaucht ist?"So glaube ich",erwiderte Lady Langley.Aber Lord Alphington spricht nicht gerne darüber, bis dieBeweise, welche der junge Mann beigebracht hat, hinlänglich geprüft sind, er fürchtete'die Enttäuschung. Ich habe großes Mitleid mit ihm; er führt ein solch einsames Leben.Einen Enkel zu haben, den er aus ganzer Seele lieben könne, würde sein Alter versüßen.Es ist eigenthümlich, daß Mr. Faucourt, wenn er überhaupt verheirathet war, nie feinemVater hiervon Mittheilung machte. Wahrscheinlich.war seine Frau nicht ebenbürtig'.