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wage, ihr in irgend einer Weise entgegen zu treten; die jüngeren Mädchen sind heut-zutage alle eitel und vergnügungssüchtig; man weiß wirklich nicht, wo das noch enden wird."
„Und so nachlässig dazu", klagte die Fremde. „Haben Sie nicht auch schon indieser Beziehung traurige Erfahrungen an den werthvollen chinesischen Sachen, welche hierstehen, gemacht?"
„O, ich erlaube nie, daß eine von den Mägden diese berührt, meine jüngste Tochterstaubt sie immer selbst ab."
„Da haben Sie wohl recht, ich besitze eine wahre Leidenschaft für Antiquitäten;meine ganz besondere Liebhaberei sind alte Schmucksachen, ich habe einige, von denen ichMich um keinen Preis trennen möchte."
„Das begreife ich recht gut. Augenblicklich haben wir auch einen alten interessantenRing hier, in dessen Besitz meine Tochter auf sehr merkwürdige Weise gelangt ist."
„Einen alten Ring?" rief die Fremde erstaunt aus. „Würde es Ihnen nicht zuviel Mühe verursachen, mir denselben zu zeigen? Sie glauben nicht, wie vernarrt ich insolche Sachen bin und ich schmeichle mir, auch den Werth der Edelsteine richtig beur-theilen zu können."
„Es macht durchaus keine Mühe", sagte Mrs. Dalton und schellte. Zur herein-tretenden Sara gewendet, fuhr sie fort:
„Hier ist der Schlüssel von meinem Toiletteukasten, Du weist ja, wie er geöffnetwird. Hole mir das kleine Etui aus demselben herunter."
Sara kehrte bald zurück und Mrs. Dalton zeigte der Fremden den Opalring,ohne ihn jedoch aus der Hand zu geben.
„Er ist wirklich wundervoll", bestätigte die Dame; „ich würde mich fürchten, ihnzu tragen,.wenn er mir gehörte, aus Angst, ihn zu verlieren."
„Aus eben diesen! Grunde habe ich auch meine Tochter veranlaßt, ihn nicht mitauf das Land zu nehmen", bemerkte freundlich Mrs. Dalton, während sie den Ringwieder in das Etui steckte und dieses auf dem Tische neben sich stehen ließ.
„Ich darf sie wirklich nicht länger belästigen und danke Ihnen bestens für IhreGefälligkeit. Könnten Sie mir vielleicht hier in der Nähe ein Dienstboten-Bureau an-geben? —"
„In Portland -Town befindet sich das nächste."
„Ist es nicht zu unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir die Adresse aufzuschreiben?Es ist mir nicht möglich, einen Namen zu behalten."
„O, das will ich gerne thun", und Mrs. Dalton begab sich zu ihrem Schreib-tische in der anderen Ecke des Zimmers."
Die Fremde empfing die geschriebene Adresse und nahm dann unter überschweng-.lichen Dankesreden Abschied. Mrs. Dalton trug das Ningetui, welches sie auf demkleinen Tische hatte stehen lassen, sogleich wieder hinauf und verschloß es sorgfältig.Einige Stunden später kam Bertha's Telegramm an; Mrs. Dalton holte das Etuivon Neuem hervor und fand es leer. Sara hatte die fremde Dame durch den Gartenbis an's Thor begleitet; sie schaute ihr kopfschüttelnd einige Augenblicke nach und kehrtedann zurück.
Das ganze Haus wurde des Ringes wegen durchsucht. Mrs. Dalton behauptete,er müsse im Wohnzimmer oder auf der Treppe aus dein Etui herausgefallen sein unddeshalb von Sara gefunden werden. „Immer ist doch Alles verkehrt, nur um michzu quälen und aufzuregen. Wenn Bcrtha doch so vernünftig gewesen wäre, zu schweigenund des Ringes gar nicht zu erwähnen, würde mir dieser Verdruß erspart gebliebensein; es ist auch zu lächerlich von Bertha, bei jeder Gelegenheit darüber zu sprechen."
Sara hätte beinahe ihre Entlassung aus dem Dienste erhalten, weil sie die Ver-muthung anssprach, die fremde Dame habe den Ring vielleicht mitgenommen. „SolchenUnsinn behaupten zu wollen,", sagte Mrs. Dalton voller Entrüstung, „als ob ick nicht