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Sie hatte schwarze, schön gewölbte Augenbrauen, aber das Haar war schneeweiß undglatt unter die Wittwenhaube zurückgestrichen. Ein Creppschleier verhüllte ihr Gesicht;zudem trug sie eine blaue Brille. Sie verneigte sich anmuthig, als Mrs. Dalton zuihr eintrat.
Ueberrascht durch die vornehme Erscheinung, bot diese ihr einen Stuhl an. DieFremde setzte sich in die Nähe des Arbeitstischchens mit dem Rücken gegen das Fenster,da sie, wie sie sagte, ein Augenübel habe und das grelle Licht ihr Schmerzen verursache.
„Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie aufzusuchen, um mich bei Ihnen nach einerDienstmagd Anna Turner zu erkundigen", sagte sie, auf eine Zeitung welche sie in derHand hielt, hinweisend. „Ich weiß wohl, daß ich verpflichtet gewesen wäre, die fest-gesetzte Zeit abzuwarten, aber ich bin in großer Eile, da ich im Begriffe stehe, die Stadtzu verlassen und bitte deshalb sehr um Entschuldigung."
„Nach einem Mädchen wünschen Sie sich zu erkundigen?" wiederholte Miß Daltonerstaunt. „Ich fürchte sehr, daß hier ein Mißverständniß obwaltet, da ich nicht vorhabe,eine Dienerin zu entlassen."
„Mrs. Dalton aus dem Gardenhouse? frug die fremde Dame, in ihr Zeitungs-blatt blickend.
„Der Name ist richtig, aber dies ist nicht Gardenhouse, sondern Joy-Cottage."
„O, dann habe ich mich geirrt!" rief die Fremde, ohne sich jedoch von ihremStuhle zu erheben, aus. „Ich bedauere sehr, Sie belästigt zu haben."
Seufzend drückte sie ihr Taschentuch gegen die Stirne.
„Bitte, erwähnen Sie das nicht und ruhen Sie erst ein wenig aus, Sie scheinenmüde zu sein."
„Ja, das bin ich", bestätigte die Dame. „Ich habe mich allenthalben nach Garde-house erkundigt und dann frug ich nach Mrs. Dalton und wurde hierher gewiesen. Siekönnen mir vielleicht sagen, wo Gardenhouse liegt?"
„Ich erinnere mich nicht, von einem solchen Wohnsitze hier in der Gegend gehörtzu haben", entgegncte Mrs. Dalton. „Auch ist es mir gänzlich unbekannt, daß meinName in der Nachbarschaft vorkommt."
„Dalton oder Galton , der erste Buchstabe ist nicht deutlich zu lesen; ich frug zu-erst nach einer Familie Galton , aber der Kaufmann, an den ich mich wandte, nanntemir Ihren Namen und da ich den großen Garten erblickte, so glaube ich sicher, an dierichtige Adresse gelangt zu sein."
„Ja, der Garten ist sehr groß", sagte die mittheilsame Mrs. Dalton, sich bereit-willigst in eine kleine Plauderei einlassend, „aber sie glauben nicht, wie kostspielig es ist,ihn im gehörigen Stande zu halten. Das Terrain würde sich freilich sehr gut zu Bau-stellen eignen, doch da es mein persönliches Eigenthum ist, so trenne ich mich nicht gernedavon. Die einzige Unbequemlichkeit besteht darin, daß das Haus so weit vorn Thoreentfernt liegt."
„Das läßt sich denken, namentlich im Winter oder bei Regenwetter, aber eS machteinen hübschen malerischen Eindruck, weil es so ganz mit Ephcu bewachsen ist."
„Mrs. Dalton beschrieb nun umständlich die innere Einrichtung der Wohnung unddie Fremde hörte anscheinend mit großem Interesse zu.
Den früheren Faden der Unterhaltung wieder aufnehmend, sagte sie dann: „ESist mir zu leid, daß ich mich geirrt habe, denn aus ihrem Hause würde ich mit demgrößten Vertrauen eine Dienerin übernehmen"; indem sie dieses sagte, warf sie eine»bewundernden Blick im Zimmer umher. „Was für eine Plage die Dienstboten im All-gemeinen sind!"
„Ja, das ist wahr", stimmte die nicht wenig geschmeichelte Mrs. Dalton bei. „Die.eine meiner Mägde ist jetzt schon über zwanzig Jahre in meinen Diensten; sie ist eine'vorzügliche Köchin und auch sehr zuverlässig, aber dabei so heftig, daß ich gar nicht