Ausgabe 
(19.9.1883) 75
 
Einzelbild herunterladen

594

Geschichte Lord Alphington's mit.Lady Alphington und ich besuchten dieselbe Schuleund waren sehr gute Freundinnen", begann sie ihre Erzählung.In späteren Jahrensahen wir uns sehr selten, da ich häufig mit Sir Stephan auf Reisen war; doch bliebenwir in regelmäßigem Briefwechsel und so erfuhr ich, welch' großen Kummer ihr dasüble Verhalten ihres jüngsten Sohnes bereite. Sie besaß nur zwei Söhne. Wie esschien, war Faucourt in einen unehrenhaften Handel beim Pferderennen verwickelt wor-den; indessen stellte sich später heraus, daß man seinen Namen ohne sein Wissen miß-braucht hatte. Soviel stand jedoch fest, er war in schlechte Gesellschaft gerathen, undmau hielt es deshalb für das Klügste, wenn er sich eine Zeitlang in's Ausland begebe.Er ging nach Amerika und bald darauf starb Lady Alphington; der große Schmerzhatte ihr Ende ohne Zweifel bescheinigt. Lord Chalfont, der älteste Sohn, welcher schoneinige Jahre verheirathct war und zwei Söhne hatte, lebte nach dem Tode seiner Muttermeistens auf Schloß Alphington. Aber noch mehr Mißgeschick sollte folgen. Zuerstkam die Nachricht von dem plötzlichen, durch einen Unglücksfall herbeigeführten TodeFaucourt's am Scharlachfieber; die Mutter, welche sie pflegte, wurde ebenfalls davonergriffen und in dem kurzen Zeitraume von noch nicht vierzehn Tagen lagen alle dreiim Grabe. Später tauchte das Gerücht auf, Faucourt habe in Amerika eine Wittweund einen Sohn hinterlassen, da jedoch Lord Chalfont noch lebte, so wurden die Nach-forschungen wahrscheinlich nicht sehr sorglich angestellt. Noch war das Unglück nichtvollzählig. Lord Chalfont erkältete sich auf einer Reise durch die Schweiz und bekameine Lungenentzündung. Man telegraphiere seinem Vater; dieser eilte hin, kam aber nurzeitig genug, um seinen Sohn sterben zu sehen. Seit diesem» Augenblicke ist Lord Alp-hington ein vereinsamter Mann. Nun ist kürzlich ein junger Mensch aus Amerika her-übergekommen und gibt sich als den Enkel Lord Alphington's aus; letzterer hat die be-treffenden Papiere seinem Geschäftsführer zur Untersuchung übergeben und weigert sicheinstweilen noch, den jungen Mann bei sich zu sehen, bis er die feste Gewißheit hat,ihn als Erben begrüßen zu können. Natürlich wünscht er von ganzem Herzen, daß sichdie Beweise als gültig herausstellen."

Welch' traurige Geschichte", sagte Bertha, die nist großer Theilnahme zugehörthatte.Wie sehr wünsche ich dem alten Herrn, daß er seinen Enkel finde."

Ja gewiß, das würde für ihn das größte Glück sein, welches ihm jetzt noch zuTheil werden kaun", bemerkte Lady Langley.Abgesehen davon, daß er Niemandenhat, dem er seine Zärtlichkeit zuwenden kann, ist es auch noch ein sehr melancholischerGedanke für ihn, seinen alten, ehrenvollen Namen erlöschen zu sehen. Aber Sir Stephanruft uns: Kommt, Kinder, wir müssen nach Hause zurückfahren."

Siebentes Capitel.

Der Mrs. Dalton war es nach der Abreise ihrer Töchter sehr langweilig zuMuthe; viele Abwechselung stand ihr nicht zu Gebote und ihre einzige Nachbarschaft,eine alte, taube Dame, war ganz sicher in ihren besten Jahren keine amüsante Gesell-schafterin gewesen. Einsame Spaziergänge gewährten ihr auch kein Vergnügen, dieRomane ermüdeten sie und so war ihre Stimmung im Allgemeinen recht verdrießlich.

Nachdem der Frühstückstisch eben abgetragen worden, dachte sie darüber nach, wassie den ganzen Morgen anfangen solle, als Sara eintrat und eine Dame anmeldete.

Wer ist es, Sara?"

Das weiß ich nicht", erwiderte diese.Sie nannte mir ihren Namen nicht; siesei eine Wittwe."

Führe sie in's Wohnzimmer", befahl Mrs. Dalton.

Bald darauf folgte sie ihr dorthin und erblickte vor sich eine ziemlich große elegantaussehende Dame in schwarzer Trauerkleidung. Ihrer Gestalt und dein unteren Theiledes Gesichtes nach zu urtheilen, schien sie trotz der gelblichen Hautfarbe noch jung zu sein.