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weile mit dem kleinen Pinsch, der sich jedes Stückchen Kuchen durch Aufrechtsitzen ver-dienen mußte.
Den Vorschlag Sir Stephan's sie als Tochter zu adoptiren, hatte sie verschwiegen;selbst Lena wußte nichts davon. Wie sehr sie auch die Zuneigung, durch welche diesesherzliche Anerbieten hervorgerufen ward, zu schätzen mußte, so fühlte sie doch nichts-destoweniger, daß sie es nicht annehmen dürfe und aus diesem Grunde ließ sie dieSache auf sich beruhen. Zudem wußte sie, daß die bloße Erwähnung derselben einewahre Fluth von Vorwürfen auf sie herabziehen würde. Wenn Sir Stephan Lusthatte, die Angelegenheit von Neuem zur Sprache zu bringen, so konnte er dies ja imHerbste thun. Sie fand es rathsam, nicht darüber zu sprechen.
Im Laufe des Abends erfuhr Bertha von ihrer Mutter alle Einzelheiten, wie derRing verloren gegangen, und sie theilte ihr hingegen mit, daß Lord Alphington be-schlossen habe, die Polizei davon in Kenntniß zu setzen, um Nachforschungen anzustellen.
„Dann muß das ganze Hans umgekeht werden, denn ich glaube fest, er ist ineine Spalte gefallen. Mich trifft kein Tadel, Du hättest ihn in ein besseres Etui thunsollen, so wäre es nicht vorgekommen, das mußt Du doch zugeben, Bertha."
Diese antwortete nichts. Was konnte jetzt alles Reden helfen, da der Ring jadoch verloren war.
Der Samstag gehörte noch zu Bertha's Ferienzeit. Nach dem Mittagessen befandsie sich mit ihrer Mutter und Lena in dem geräumigen Wohnzimmer, von wo aus manden Garten sowie den Fußpfad, welcher zum Hanse hinführte, übersehen konnte.
Lena hatte ihrer Gewohnheit gemäß auf einem niedrigen Sessel, mit dein Rückengegen das Fenster gekehrt, Platz genommen, da sie fürchtete, zu viel Licht erzeugeSommersprossen. Bertha saß mit einem Buche in der Hand da und Mrs. Dalton, wiegewöhnlich an ihrem Arbeitstischchen. Es wurde heftig am Thore geschellt; neugierigblickte Lena hinaus und sah einen jungen Btann langsam über den Pfad dem Hausezuschreiten; Sara eilte ihm, eine Karte in der Hand haltend, voraus. Lena berührteBertha's Arm und sagte:
„Bertha, bitte, sieh einmal!"
Vorsichtig, um nicht selbst erblickt zu werden, schaute diese hinaus; dann begegnetenihre Augen denen der Schwester; sie hatten beide den Besucher erkannt. Zu gleicherZeit trat Sara in's Zimmer und überreichte Lena die Karte.
„Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß."
Lena nahm die Karte; auf derselben befand sich ein Wappen, welches ihr in letzterZeit sehr vertraut geworden war und der Name: „Mr. Fancourt."
„Wie seltsam", rief sie, diese ihrer Mutter hinreichend, aus.
Sara, sagtest Du, der Besuch gelte mir?"
„Ja, Miß, er frug nach Miß Dalton, welche er in einer kleinen geschäftlichenAngelegenheit zu sprechen wünsche."
„O, jetzt weiß ich es", sagte Bertha, „es wird wegen des Ringes sein." Mrs.Dalton befahl in etwas erregtem Tone:
„Führe ihn hier herein, Sara."
Obschon ein wenig enttäuscht bei Erwähnung des Ringes, schmeichelte ihr dochder Besuch Mr. Faucourts, in welchem sie den künftigen Carl von Alphington erblickte,in hohem Grade und als Sedley, der schon den Namen Faucourt angenommen hatte,eintrat, erwiderte sie seinen Gruß mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln.
„Wie ich höre, haben Sie nach meiner Tochter gefragt, hier sind sie beide —Miß Lena Dalton, Miß Bertha Dalton. Bitte nehmen Sie Platz."
(Fortsetzung folgt.)