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dem Jahre 1870 Deutschlands Söhne nach der Grenze eilten. Dort steht das Denkmal,wie die Inschrift auf der Vorderseite sagt: „Zum Andenken an die cinmnthige siegreiche Er-hebung des deutschen Volkes und an die Wiederanfrichtnng des deutschen Reiches 1870—71."Betrachten wir die Hauptdarstellungcn des Monuments und beginnen wir mit demPostamente. Links steht der Genius des Krieges mit Schwert und Panzer und läßtdurch die hocherhobene Tuba den Kriegsruf erschallen. Daran schließt sich das Nclicfbildder Mitte, die gesammte Wehrkraft des deutschen Reiches verkörpernd, geschaart um seinenköniglichen Feldherrn, bereit, Gut und Blut auf dem Altare des Vaterlandes zu opfern.Rechts steht die Gestalt des Friedens mit dem Füllhorne und dem Palmzweige, so demGedanken Ausdruck gebend, daß es dem einmüthigcn Zusammengehen aller deutschen Fürsten und Völker gelungen, die Schrecken des Krieges oom Vatcrlande abzuwehren.Die oberen Seitenflächen des Monumentes, mit einem Lorbeer-, einem Eichen-, einemFichten- und einem Lindenkranze geschmückt, cnthaltenaußer der eingangs erwähnten In-schrift die Namen der großen Siege und ringsum die Wappen der deutschen Staaten,überragt bon dem eisernen Kreuze und dem Reichsadler, welcher seine Flügel schirmenddarüber ausbreitet. Am Fuße des breiten Sockels zeigt sich auf vorspringendem, nied-rigem Postamente die sinnig komponirtc Gruppe von Rhein und Mosel. Der alte VaterRhein überreicht der jugendlich schönen Mosel das so treu bewahrte und bewährteWachthorn, die erweiterten Grenzmarken unseres Vaterlandes ihrem Schutze und ihrerWachsamkeit empfehlend. Das ganze krönt das Standbild der Germania . Das Antlitzder Germania , nicht zu jugendlich, sondern dem einer reifen Franenschönhcit entsprechend,umwallt von reichem, welligen Haar, das über den Nacken fluthet, ist, wie es da sofrohgemnth und gleichsam von innerer Bewegung durchglüht in der Ferne weithin überden Strom der Ströme schaut, von hinreißender Schönheit. Von dein Kopf schweift derBlick auf die übrige Gestalt. Die kräftige Brust deckt ein Brustpanzcr, auf dem derdeutsche Reichsadler slachrelicf erscheint. Unterhalb des Panzers und an den entblößtenArmen wird ein Kettenhemd sichtbar. Um die Schultern ist ein schwerer, vorn durcheine Agraffe zusammengehaltener Mantel geschlungen, welcher nach hinten und mehr zurLinken der Gestalt hcrabwallt und sich theilweise über den Sessel legt, rechts hingegenin Höhe der Hüften durch den mit Löwenköpfen besetzten Schwcrtgürtel aufgenommenist und sich vorn mit dem einen Zipfel um Taille und Leib legt. Unterhalb dieserDraperic wird das zu den Füßen in breiten Falten wuchtig herab fließ ende Untergewandsichtbar. Der Mantel ist mit einer breiten Bordüre umgeben, welche durch eine Bortevon kastenförmig gefaßten, zu Rosetten und Sternen vereinigten Edelsteinen nach deinäußeren Rande hin abgeschlossen wird. Das Untergewand ist mit aufsteigenden Rankcn-wcrk aus gewebeartig ziselirtem Grunde prächtig gemustert. Behufs Ausführung dieserMusterung machte Schilling, der Meister des Denkmales, vorzugsweise Studien an demherrlichen Grabmale Kaiser Maximilians in der Hofkirchc zu Innsbruck . Es war fürden Meister eine Niescnaufgabe, das gesammte Werk mit solcher Genauigkeit durchzu-arbeiten und ist geradezu erstaunlich, daß dies in der kurzen Zeit von acht Jahren ge-lungen ist. Die Germania ist allein zehn Nieter hoch und mußte das Gußmodell der-selben in fünf oder sechs Stück aufgebaut werden. In Summa wog es etwa 700 Zentner.Die riesigen Gipsmassen zu bewältigen, war ein schweres Stück Arbeit und lösten sichoft einzelne Theile los und fielen herab. So stürzte die mehrere Zentner schwere linkeHand, welche den Griff des achteinhalb Meter hohen Schwertes umfaßt, als sie nochohne diese Unterstützung war, aus jener bedeutenden Höhe nieder, schlug den Boden desGerüstes durch und grub sich tief in die Erde ein. Mit unermüdlicher Geduld wurdeauch geändert und oft das Werk monatlanger Arbeit wieder zu Gunsten einer besserenAnordnung verworfen. Besondere Blühe verursachte die Bildung der rechten Hand, welchedie Krone umfaßt; da aber der Meister unermüdlich und von peinlichster Gewissenhaf-tigkeit beseelt war, wurden alle Schwierigkeiten überwunden.