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Beeten promcnirten elegante Damen in prachtvoller Toilette; andere saßen in Gruppenbeisammen und lauschten der herrlichen Musik.
St. Lawrence schlenderte an dem verabredeten Mittwoch Nachmittage mit seinemFreunde Douglas in diesem lebhaften Getriebe umher.
Letzterer wollte nicht eingestehen, daß er dies zu seinem Vergnügen thue, sondernbehauptete, für ihn sei es nur Mittel zum Zweck.
„Es ist durchaus nöthig, daß ich mich bekannt mache", äußerte er gegen St.Lawrence. „Ziehe ich mich ganz von der vornehmen Welt zurück, so wird sie mich sehrrasch vergessen. Für Euch Landschaftsmaler ist das etwas ganz anderes, da gilt dasWerk Alles und die Person nichts; aber ein Portraitmaler muß sich durchaus beliebtmachen, dann ist das halbe Spiel gewonnen."
Unter diesem Vorwande vergeudete Douglas sehr viele Zeit. Er hatte schon öftersversucht, St. Lawrence zu überreden, ihm dabei Gesellschaft zu leisten, jedoch meistens! vergebens. In seiner jetzigen Stimmung fühlte dieser sich unfähig zur Arbeit; die Er-
! umerung an das ihm widerfahrene Unrecht wurde durch die Bemühungen, es rückgängig
zu machen, immer lebendig erhalten, und diese Ungewißheit versetzte seinen feurigen Geist! in die größte Aufregung. Ja, hätte er seinem Feinde Aug in Aug gcgcnübertreten
! dürfen, aber nun band ihn auch noch das Versprechen, sich ruhig zu verhalten und so
! konnte er weder Hand noch Fuß zu seiner Vertheidigung erheben. Fast gereute es ihn,
d sich so gebunden zu haben, aber er war nicht der Mann dazu, ein gegebenes Wort
ß zurückzunehmen; es blieb ihm nichts Anderes übrig, als geduldig zu warten und zu
S hoffen, die Vorsehung werde den Betrüger, dessen Opfer er geworden, entlarven.
' Ueber diese Dinge nachgrübelnd, horchte er kaum auf die muntere Unterhaltung
- seines Freundes, bis dieser ihn plötzlich beim Arm faßte und mit seinem Spazierstocke! auf drei Damen, welche in einiger Entfernung saßen, hinzcigend ausrief:
! „Beim Zeus, da ist ja meine kleine Musiklehrcrin!"
i „Welch' hübsches Mädchen!" sagte St. Lawrence, durch den Ausruf seines Freundes
j aufmerksam gemacht. „Du gabst mir doch zu verstehen, sie sei nicht hübsch."
„Die kleinere von Beide» ist Miß Dalton", entgegnete Douglas ungeduldig.„Komm, wir wollen dort herumgehen, und uns ihnen von der anderen Seite, wie zu-fällig, nähern; ich werde Dich vorstellen."
- „Dieses sagend, drängte sich Douglas durch die Menge; St. Lawrence, über-
rascht von der Schönheit der einen jungen Dame, folgte ihm willig. Als sie ihrervon Neuem ansichtig wurden, stieß Douglas einen gut geheuchelten Ausruf des Er-, stannens aus, trat näher und zog seinen Hut.
, „Ich bin glücklich, Sie hier zu sehen, Miß Dalton. Der Ort, wo wir uns ge-
" wohnlich zu treffen pflegen, ist nicht so angenehm, als dieser."
„Es freut mich, daß Sie sich auch zuweilen einen freien Tag erlauben", erwiderteBertha mit freundlichem Lächeln, ihm ihre Hand entgegenstreckend.
Der heitere junge Maler gefiel ihr und obgleich sie sehr wenig mit ihm verkehrthatte, betrachtete sie ihn doch als Freund. Sie machte ihre Mutter und Schwester mitihm bekannt und Douglas stellte St. Lawrence vor. Die Farbe auf Lena's Wangenvertiefte sich bei Herannahen der jungen Herren. Airs. Dalton empfing sie mit dergrößten Zuvorkommenheit. „Sie sehen beide recht vornehm aus", flüsterte sie Lena ineinem unbewachten Augenblicke zu, „namentlich der größere, dunkle; man sollte gar nichtglauben, daß er nur ein Künstler ist."
Die beiden Männer, welche bemerkten, daß ihre Gegenwart der älteren Dame an«genehm war, nahmen dort am Tische Platz. Es fehlte nicht an Stoff zur Unterhaltung.Douglas kritisirte in humoristischer Weise die Vorübergehenden und Bertha verstand es,auf seine Scherze einzugehen, obschon ihre Aeußerungen, wenn auch zutreffend, doch nieboshaft waren. Sogar Lena wurde etwas lebendiger, indem sie die Vergnügungen der