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Nr. 82.
Samstag, 13. Oktober
1883.
Der Gpalrmg.
Roman aus dein Englischen von E. C.
(Fortsetzung.)
Vierzehntes Capitel.
St. Lawrence zögerte nicht lange, sich MrZ. Dolton's Erlaubniß zu Nutze zumachen. In der folgenden Woche schon erschien er, eine wohlgcfüllte Mappe unter demArme tragend, zu Joy Cottage.
Es war ein warmer Abend; das Bogenfenster des hübschen Wohnzimmers standoffen und der Duft des spanischen Flieder's, des Weißdorn's und anderer Frühlings-blumen strömte in's Zimmer hinein. Lena hatte, eine feine Stickerei in der. Handhaltend, am Fenster Platz genommen; sie sah in ihrem sauberen weißen Kleide wunder-hübsch auS und war sich dessen vollkommen bewußt. Bcrtha dagegen schien müde zusein; blaß und abgespannt saß sie, um ihre Augen etwas auszuruhen, in dem Schattender Gardinen. Gerade heute hatte sie in deut Pensionate der Airs. Beanmont solchenSchülerinnen Unterricht ertheilt, denen jegliches Gehör nud Verständniß für Musik fehlte,so daß sie die Stunden als Zeitverschwcndung für beide Theile ansah, und dieser Ge-danke trug wesentlich zu ihrer Abspannung bei. Mrs. Dalton lag auf dein Ruhebettemit dem Lesen eines Romans beschäftigt.
Alle begrüßten, wenn auch aus verschiedenen Beweggründen, St. Lawrence auf'sFreundlichste. Mrs. Dalton war über jede kleine Zerstreuung vergnügt, Lena hoffte dengünstigen Eindruck, den sie früher gemacht, bei dieser Gelegenheit noch verstärken zukönnen, und Bcrtha freute sich, das Zeichenbuch durchblättern zu dürfen.
Der junge Mann fühlte sich glücklich in Dameugesellschaft, vielleicht um so mehr,da sich ihm Verhältnisse halber selten Gelegenheit hierzu bot. Diese elegante kleineWohnung, das herzliche Entgegenkommen der älteren Dame nud die Schönheit undGrazie wenigstens einer der Insassen entzückten ihn; er wünschte sich im Stillen Glück,die Bekanntschaft dieser Familie, wo er manche vergnügte Stunde zubringen könne,gemacht zu haben.
War ihm Lena's Schönheit auch damals sofort aufgefallen, so erblickte er siedoch jetzt zu Hanse zum ersten Male in ihrer ganzen Vollkommenheit, und ihr widmeteer Anfangs ausschließlich seine Aufmerksamkeit. Später, als das Zeichenbuch hervor-geholt wurde, fühlte er sich doch cntnüchtert und enttäuscht. Lena gab -war vor, dieKunst zu lieben, ganz besonders schwärme sie für Zeichnungen nach der Natur, aberSt. Lawrence entdeckte sehr bald, daß sie nicht das mindeste Verständniß, und wie erstark vermuthete, auch kein wirkliches Interesse dafür habe. Eine oberflächliche, ein-fältige Bemerkung, nur deshalb schön zu finden, weil sie von hübschen Lippen war aus-gesprochen worden, lag ihm ferne und beinahe unwillkürlich suchten seine Blicke Bertha,während ste das Buch Zusammen betrachteten. Es siel ihm auf, wie der müde Aus-