Ausgabe 
(13.10.1883) 82
 
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druck von ihrem Antlitze verschwand, ihre Farbe sich erhöhte, die Augen zu leuchtenbegannen und der Gedanke, das Douglas Recht und dieses Mädchen eine mehr geistigeSchönheit besitze, als ihre ältere Schwester, durchkreuzte sein Gehirn.

Nachdem die Zeichnungen besichtigt und die Mappe wieder geschlossen war, setztensie sich an's offene Fenster und benutzten die lange Dämmerstunde zu einer gemüthlichenPlauderei. St. Lawrence war viel gereist und zudem ein scharfer Beobachter und sogerieth die Unterhaltung nicht iu's Stocken, sondern ein Thema nach dem anderen kamzur Sprache. Die klugen Fragen und geistreichen, bald scherzhaften, 'bald ernsten Be-merkungen Bertha's, trugen viel dazu bei, das Gespräch lebendig zu erhalten. Dirs.Dalton war zu träge, um sich an einer Unterhaltung, die für sie wenig Interesse bot,zu betheiligeu, und Lena sah die Nothwendigkeit, sich anzustrengen, nicht ein, sonst hättesie bei dieser Gelegenheit vielleicht doch einen Versuch gemacht. Jetzt begnügte sie sichdamit, liebenswürdig zuzuhören und zu lächeln und in der That lächelte sie dem

jungen Landschaftsmaler häufig und freundlich zu, fest davon überzeugt, daß sie ihn

durch ihre Herablassung bis in den siebenten Himmel erhebe.

Sie hatten sich in der Nähe des Bogenfensters niedergelassen und blickten hinausin den Garten.

Wie schön die Sonne untergeht! Welch' prächtiges Farbenspiel!" rief Bertha be-geistert aus.

Ich glaube, nur wenige Menschen wissen diesen Anblick gebührend zu schätzen",bemerkte St. Lawrence.Wie viele gibt es nicht, welche anscheinend Juwelen und

Blumen bewundern, sich dagegen mit Gleichgültigkeit von der Pracht des Abendhimmcls

wegwenden. Betrachten Sie nur diesen Glanz edler Steine vor uns Topas, Saphir ,Chrisolith und Amcthist."

Und das Ganze zusammen ein großer Opal", ergänzte Bertha.

Du kannst nichts Audre's mehr denken, als Opale", bemerkte Lena.

Alan sprach mir von einem alten Opalringe, der auf merkwürdige Weise in IhrenBesitz gelangt und dann wieder aus ebenso räthselhafte Weise verschwunden sei", wandtesich St. Lawrence an Lena.Es ist eigenthümlich, wie rasch sich ein Gerücht verbreitet.Ist diescsmal etwas Wahres an der Sache?"

Die Geschichte dieses langweiligen Ringes betrifft Bertha. Wir haben schonübrigens genug davon gehört; aber meine Schwester wird sie Ihnen gewiß gerne er-zählen, wenn Sie es wünschen. Ich habe wirklich Nichts damit zu schaffen."

St. Lawrence bat Bertha, ihm diese Begebenheit mitzutheilen, sie willfahrte seinemWunsche und machte ihn mit ihrem Abenteuer im Omnibus, dem Besuche bei Air. Lcmontund dem darauffolgenden Verluste des Ringes während ihrer Abwesenheit, da sie geradeherausgefunden, daß er Lord Alphington gehöre, bekannt.

Die äußere Erscheinung des Mannes, welcher den Ring verloren hat, ließ Siealso vermuthen, daß er nicht der rechtmäßige Besitzer sei?" frug St. Lawrence.Wasbrachte Sie auf diesen Gedanken?"

Bertha beschrieb ihren Reisegefährten näher und St. Lawrence versank in tiefesNachdenken; doch ermannte er sich bald und dankte für die Erzählung.

Das ist ein sehr merkwürdiger Vorfall; es würde mich intercssiren, wenn ich er-fahren könnte, wie sich die Sache weiter entwickelt."

O, wenn sie das wünschen, so werde ich Ihnen, falls etwas Weiteres bekanntwird, gerne Mittheilung darüber machen", versprach Bertha.Die Geschichte 'muß dochrinen Schluß erhalten, auch schon wegen der Prophczeihung, die damit verknüpft ist."

Was ist das?" frug St. Lawrence.

Nur Unsinn", wandte Airs. Dalton ein.Blich wunderts, Bertha, wie Dusolches Zeug wiederholen kannst, namentlich da Du weißt, wie unmöglich es in DeinemFalle ist."

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