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„Gerade deshalb, weil es so gänzlich unmöglich ist, macht es mir Spaß", ent-gcgnctc sie lächelnd.
„Bitte lassen Sie mich diese gänzliche Unmöglichkeit hören", bat der junge Mann. ^
„Lord Alphington ist meine Autorität. Er erzählte mir von einer alten Familien-tradition, wonach diejenige, welche den Ring dreimal sieben Tage — ich glaube, das w-l
war die verzauberte Zahl — trüge, Gräfin von Alphington werden würde. Vermuthlich ^
hielt der Erfinder dieser Prophczeihnng den Ring nur für eine Damcnhand passend. , -
Wie lange mag Wohl der kleine Mann ihn an seinem krancnartigen Finger getragen ' - ,
haben? —"
Der Mensch hat, wie es scheint, einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht", bemerkte . >'
St. Lawrence, Bcrtha mit großem Interesse anblickend, gleichfalls als ob er sie in einem ^ 5
ihm ganz neuen Lichte betrachte. „Würden Sie ihn wohl wiedererkennen?"
„O ja, sofort."
„Es ist lächerlich, Lertha, wie Du auf die Gesichter der Leute Acht gibst; dasthue ich nie. Und doch kann man nicht sagen, daß Du eine feine Beobachtungsgabe ^
hast, denn es war Dir ja nicht einmal aufgefallen, daß Mrs. Marwell vorigen Sonntag ^ ^
in der Kirche einen neuen Hut auf hatte."
„Vermuthlich beobachten wir nicht alle in derselben Weise", während Bcrtha diesessagte, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. l
St. Lawrence war einige Augenblicke in seine Gedanken vertieft, dann frug er, >
auf jene Prophezeiung zurückkommend und Bcrtha wieder mit dem vorhin erwähnteneigenthümlichen Interesse anschauend: „Trugen Sie jenen Ring die festgesetzte Anzahl j
von Tagen?" ',
„O, noch viel länger; deshalb wird wohl der Zauber gebrochen sein", cntgegnetesie lachend. 4
„Es scheint wirklich, daß wir immer über diesen Ring sprechen müssen", warfMrs. Dalton dazwischen. „Der erste Besuch Mr. Fauconrt's war auch dieses Ringes d
wegen."
„Mr. Fauconrt's!" rief St. Lawrence erstaunt aus. !>
„Der Enkel Lord Alphington's", erklärte Mrs. Dalton. „Er ist der junge Herr,
welcher jetzt als Erbe des Namens und der Besitzungen anerkannt worden ist. Wir s
werden im Herbste Gelegenheit haben, ihn näher kennen zu lernen, da wir dann unsereFreunde Sir Stephan und Lady Lanblcy zu besuchen gedenken."
Der Blick des jungen Mannes glitt rasch von Bcrtha zu Lena hinüber. Ersterehatte augenscheinlich Fauconrt's Namen mit der größten Gleichgültigkeit aussprcchcnhören; Lena schlug verwirrt die Augen nieder und beschäftigte sich, um ihre Verlegen-heit zu verbergen, eifrigst damit, ihre Stickerei in den kleinen Arbcitskorb zurückzulegen.
Die Lippe des jungen Mannes kräuselte sich; Lena bemerkte diesen leisen Ausdruck der
Verachtung nicht, und selbst wenn sie ihn gesehen, würde sie ihn schwerlich richtig ge- «
deutet haben. In ihrer Eitelkeit hielt sie es für selbstverständlich, daß jeder unver-hcirathcte junge Mann die Zahl ihrer Anbeter durch seine Person zu vermehren wünsche.
Obschon sie fühlte, welche Macht die vollendete Erziehung und das feine höfliche Wesen,verbunden mit der geraden Treuherzigkeit, die aus den hellen, grauen Augen des jungenMannes hervorleuchtete, auf sie ausübte, so crwägte sie in ihrem Innern doch nur, obsie ihm erlauben solle, sich in sie zu verlieben oder nicht.
Das Zwielicht war vorüber, und Mrs. Dalton befahl, die Lampe anzuzündenSt. Lawrence erhob sich. '
»Ich habe ein großes Bild auf der Staffele! stehen. Sollte es Ihnen und IhrenFräulein Töchtern Vergnügen machen, dasselbe zu sehen, so darf ich wohl um die EhreIhres Besuches auf meinem Atelier bitten", sagte er, der älteren Dame zürn Abschiededie Hand reichend.