Ausgabe 
(13.10.1883) 82
 
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S52

Mrs. Dalton interessirte sich nicht sehr für Gemälde, aber jede Abwechselung kamihr gelegen und so nahm sie die freundliche Einladung bereitwilligst auf, indem sie ver-sprach, ihn mit Lena besuchen zu wollen.Meine jüngste Tochter wird wohl verhindertsein, da sie zu sehr in Anspruch genommen ist", fugte sie erläuternd hinzu.

Bertha's Lebhaftigkeit verschwand plötzlich und der frühere müde Blick kehrte zurück,Dem scharfen Auge des jungen Mannes entging diese Veränderung nicht. Die Ereignissedes Abends gewährten ihm reichlichen Stoff znm Nachdenken. Zu Hanse angekommen,steckte er sich eine Cigarre an, öffnete sein Fenster und blickte noch lange hinauf znmAbendhimmel, als ob er in den Sternen seine Zukunft lesen müsse. Mit den Betracht-ungen des eigenen Geschickes vermischten sich die Gedanken an Diejenigen, welche er vorKurzem verlassen hatte. Eine unerklärliche Verschiedenheit schien dort zn bestehen; Mrs.Dalton und die ältere Tochter waren elegant und modern gekleidet, die letztere führteaugenscheinlich das Leben einer trägen, vornehmen Weltdame, sie bczanberte ihn trotzihrer Schönheit nicht mehr, da er während seines Besuches ihren wahren Charakterdurchschaut und dieser ihm keine Achtung einflößte. Wie kam es nun, daß die jüngereSchwester arbeiten, sogar angestrengt arbeiten mußte? Für sie intcressirte er sich seinesFreundes Douglas wegen, wie er sich selber vorsagte, und nur seinetwillen verdroß ihnder Unterschied in der Lebensweise der beiden Schwestern.Sie ist nicht allein sanftund theilnehmend, sondern auch lebhaft und gescheit", setzte er in seinen Gedanken hinzu;die Andere ist schön, aber wenn ich mich nicht sehr täusche, uninteressant, egoistisch und'hochmüthig. Douglas kann von Glück sagen, falls es ihm gelingen sollte, Berthafür sich zn gewinnen." Bei diesem Schlüsse angelangt, warf er mit einem halbenSeufzer das Fenster zu und suchte sein Lager auf; doch die ersehnte Nahe wollte sichsobald noch nicht einstellen.

Bertha hatte sich an dem Abende vortrefflich unterhalten; sie war noch selten nisteinem so liebenswürdigen jungen Manne zusammen gewesen und begann zn denken, daßdie gelegentlichen Besuche von St. Lawrence sehr viel zn den wenigen Vergnügen, welcheihr einförmiges Leben mit sich brachten, beitragen würden.

Lena vergoß in der Einsamkeit ihres Zimmers einige bittere Thauen; sie mußtesich cingestehen, daß sie diesen Mann wahrhaft würde lieben können und wie unendlichverschieden von dem, was sie bisher erwartet, das Leben an seiner Seite sein werde;aber entschlossen wandte sie den Blick von dieser verlockenden Vision ab. Die Zährenvon ihren Wimpern abtrocknend, schalt sie sich selbst eine Thörin. Sie zweifelte nichtim Mindesten an ihrer Macht, St. Lawrence zu ihren Füßen bringen zn können.Erwird unglücklich sein, wenn ich mich mit Fanconrt verlobe", sagt sie leise vor sich hin;aber er kann doch nicht erwarten, daß ich ernstlich an ihn denke, da er mir gar Nichtszu bieten vermag."

Fast hätte sie der Vorsehung zürnen mögen, daß sie dem Manne, welchem sieunter allen den Vorzug gab, Titel und Reichthümer versagt und sie dazu vernrtheilthatte, die Bewerbungen dieses Fanconrt, welcher ihr einen solchen Widerwillen einflößte,anzunehmen. Und dann stieg auf einmal der Zweifel in ihr auf, ob sie dieser Be-werbung überhaupt so sicher sei, als sie anfangs geglaubt, denn Mr. Fanconrt warnach seinem ersten Besuche nur noch einmal zn Joy Collage gewesen. Bei dieser Gelegen-heit hatte er freilich seine Bewunderung aus eine Weise geäußert, die man bei jedemAnderen, nur nicht bei dem Erben solch' großer Besitzungen mit Abscheu zurückgewiesenhaben würde; von dieser Zeit an erwartete Lena ihn täglich vergebens. Sein Nicht-erscheinen fing an, sie zn ärgern und zn kränken, und sie befürchtete, irgend eine hoch-geborene Dame habe sie aus seiner Gunst verdrängt und Lord Alphington befürwortedie standesgemäße Neigung seine» Enkels.

Die Ungewißheit begünstigte Fanconrt's Werbung mehr als feine persönliche Gegen-wart dies vermocht hätte. Ueber die Sorge, die schon geträmme Grafenkrone zu ver-