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„Sie werden sich selbst davon überzeugen, daß ich nichts übertreibe, wenn er hierherkommt. „Er kann höchstens meine Sorge und meinen Kummer vergrößern, da ich inder beständigen Furcht leben muß, durch ihn meinen Namen geschändet zu sehen."
Lady Langlcy versuchte auf alle mögliche Weise ihrem alten Freunde, dessen großenSchmerz sie vollkommen zu würdigen verstand, Trost und Muth einzusprechen. Aberungeachtet ihrer Bemühungen, die ganze Sache von einem freundlicheren Gesichtspunkteaus darzustellen, bangte es ihr doch heimlich, denn sie kannte Lord Alphington genügend,um zu wissen, daß er sich nicht zn einem vorschnellen, schroffen Urtheile hinreißen lasseund daher hinreichenden Grund zn seiner Abneigung haben müsse.
(Fortsetzung folgt.)
Born Anerberg.
Nickt lcicht ein Fleckchen Erde unseres gesegneten SchwabcnlandcS bietet so viel deS An-mnthig-Schönc», alS die Hochwarte deS schwäbischen Vorlandes, der sagenmnflosscne Anerbcrg.Seit Herr Hanptmann Hugo Arnold vor einigen Jahren die uralten Befestigungen dortselbstsozusagen neu entdeckt und beschrieben hat, ist das Interesse der GcschichtS- und Allcrihuins-frennde für den Anerbcrg neu belebt worden und man sieht jetzt östcr als sonst, auch weiterhcrgcrcistc Forscher dein lohnenden Ziele zustreben. Fromme Waller besteigen gerne den Berg,um im altehrlvürdigcn St. GcorgS Kirchlcin, dessen Gemäuer weithin in die Lande leuchtet, ihreAndacht zu verrichten, und auch sonst wird der Berg von Naturfreunden gerne besucht. Freilichkönnte dieser Besuch ein ganz anderer, weit gröberer sein, wenn man die gebotenen Naturgcnüsscdem nur geringen Aufwand an Zeit und Geld gegenüber stellt nno bedenkt wie weit wenigerlohncnoere und dann viel mühsamere Touren von Hunderten gemacht werben. Kurz und gut,der Anerbcrg verdiente ein wenig mehr die Beachtung der größcrn Touristcnwclt, deren Stroman ihm vorbciflnlhet, vielleicht weil ihm das — 4Ipba und Ome^a — der berühmte Name undvielleicht die Gunst der fashionnblen Nciseliteratur fehlt.
Ein Sonnenaufgang vom Anerbcrg aus gehört zn den erhabensten Nnturgcnüsscn, nichtweniger die liebliche Rund- und Fernsicht in die majestätische Alpcnwelt, wie nordwärts weithinab in'S Flachland, wo die Silberfäden des Lech's und der Wcrtach vom Grün der Wiesenund Wälder umsäumt sich hinschlängcln. Die alte Reichsstadt Kanfbcnren mit ihren Mauernund Thürmen liegt vor unS, in'S Thal der Wcrtach gebettet, anmnthig überragt von den statt-lichen Gebäuden der Heil- und Pflcgcanstalt. Im Mindclthal desgleichen das freundlicheStädtchen Mindelheim mit dem stolzen Stammsitz der Frnndsbcrge, der Mindelbnrg. NachHunderten zählen die Dörfer und Ortschaften, die wir mit unserm guten Rohre aus dem mosaik-artigen Gewimmel von Wiese, Feld und Wald herauslesen. Den AugSburger Ulrichsthurmbringt uns dnS Fernglas heran aus dem luftigen Hintergrund, desgleichen das Ulmcr-Münstcr,Wenn die Verhältnisse günstig.
Im Süden grüßen zwischen den Granitfclscn des Raulings- und Tegclbergs die herrlichenKönigsbnrgcn, Neuschwanstcin das märchenhafte Schloß, Hohenschwnngan die vom Zauber ge-schichtlicher Erinnerungen umsponnene Burg. Weiter rechts grüßt auch noch der Fnlkensteinherüber.
Im Osten streift der Blick über die Silbcrschüsseln und Becken bayerischer Seen. Vom^fernen Watzmann bis tief hinein in'S Algäncrgcbirg blinken die Zacken und Hörner der Berg-riesen, ein herrlicher Anblick früh Morgens oder Abends, wenn die Sonne ihre ersten und letztenStrahlen entsendet und flüssiges Gold über die Bcrghäuptcr ausgicßt.
Doch wir wären da bald in'S ideale Fahrwasser gerathen, was wir thunlichst vermeiden^vollen, denn unser Aufsatz gilt ganz und gar realen Dingen. Wir möchten dein Anerbcrg, deinKleinod deS schwäbischen Vorlandes, Freunde gewinnen vornehmlich unter der Gattung Neisc-Publikum, das mehr über ein volles HcrZ als über volle Börsen verfügt und dann eine Fuß-tour von etlichen Stunden eine Erguickung statt eine Last ist. Man kann dem Anerbcrg vonverschiedenen Seiten Leikommen. Am Besten thut man, wenn man sich per Dampfroß nachOberdorf begibt, sich dort in die Postchaisc setzt und sich nach Stillten kutschircn läßt. Daskostet nicht viel und man ist am westlichen Bcrgcshang. In längstens Stunden geht manvon da auf den Anerbcrg hinauf spazieren. Da indeff die Gelegenheit die Post zn beuützcn imTag nur zweimal geboten ist, ziehen es Manche vor, per peäes apostolorum dem Berge zuzu-streben, waS von Bicscnhofen oder noch besser von Oberdorf aus geschehen kann. Der Weg istbeiderseits ein hübscher. In Bicscnhofen wie in Oberdorf, namentlich aber in Kanfbcnren, findetsich reichliche und billige Fahrgelegenheit. Die dortigen Lohnkutscher besitzen hübsche Vehikel,gute Pferde und was die Hauptsache, rechnen billig.
' Da es in Kausbenren selbst so manches zn sehen gibt, was dem Fremdling von Interesse