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Kampf in ihrer Seele; sie hätte all' ihren Ehrgeiz bet Seite werfen mögen, um ausseinem Munde das Geständniß der Liebe zu vernehmen, aber jetzt, wo sie ihn wiederzu ihren Füßen wähnte, erwachte die frühere Eitelkeit. Die Aussicht auf Rang undReichthum verlockte sie von Neuem und der Wunsch regte sich in ihr, beide Faucourtsowohl wie St. Lawrence, zu fesseln. Mit Hülfe des ersteren wollte sie sich zu derheiß ersehnten Stellung emporschwingen und der letztere sollte in ihrer Nähe verweilen,damit sie doch wenigstens verhüten könne, daß er seine Neigung einer Anderen schenke.
St. Lawrence dachte nicht im Entferntesten an die Möglichkeit, daß Lena Taltonihn liebe, da er ihr nie Veranlassung zu der Annahme gegeben hatte, daß ihn einwärmeres Gefühl, als das der Freundschaft, beseele; er würde unglücklich gewesen sein,hätte er in ihren: Herzen lesen können. Unwissend wie er war, bestärke er sie noch indiesem Mißverständnisse, indem er ihre Zeichnungen verbesserte, beständig an ihrer Seiteblieb und jeden ihrer kleinen Wünsche erfüllte, obgleich seine Gedanken anderweitig inAnspruch genommen waren. Die häufigen Zerstreuungen hätten ein selbstloseres Wesenals Lena Dalton genügend überzeugt, daß sein Herz an diesen Artigkeiten ihr gegenüberkeinen Antheil nahm.
Es war Douglas ausgefallen, daß sein Freund sich seit einigen Wochen in nieder-geschlagener, zuweilen sogar reizbarer Stimmung befinde. Er glaubte, die Ungewißheitund das lange Warten, ehe der Betrüger, dessen Opfer er war, entlarvt sei, habe dieGesundheit von St. Lawrence untergraben und ihn: allen Frohsinn geraubt, deshalbgab er sich Mühe ihn aufzuheitern und gewaltsam zu zerstreuen.
„Die ganze Angelegenheit geht mir nicht mehr so zu Herzei: wie früher", ent-gegnen St. Lawrence eines Tages, da Douglas ihn wieder zur Geduld ermähnt hatte.Wenn ich nicht dächte, die Gerechtigkeit erfordere es, daß der Uebclthäter die verdienteStrafe erhält, so würde ich mich für meine Person schon ganz und gerne zufriedenstellen und nach Italien oder Palestina oder sonst in irgend ein entferntes Land reisen.Selbst angenommen, schon morgen wäre die Geschichte in Ordnung, ich könnte nachwirklich nicht darüber freuen."
„Warum in aller Welt, sitzest Du denn hier und schneidest Gesichter, wie einekranke Katze? Du scheinst mir in der Stimmung Hamlet's und der Menschen überdrüssigzu sein. Weshalb verliebst Du Dich nicht?" Bein: Zeus , Dir bliebe keine Zeit üblerLaune zu sein, wenn Du versuchtest, das Herz eines so süßen kleinen Wesens, wie meineBcrtha ist, zu erringen. He, ich wollte sie wäre mein! Was meinst Du, St. Lawrence,ob ich wohl Aussichten habe?"
„Um's Himmels willen, Douglas , verschone mich mit der ewigen Wiederholungdesselben Thema's", rief St. Lawrence-fast ärgerlich aus, indem er sich mit dem Ellen-bogen auf den Tisch stützte und das Gesicht mit der Hand verdeckte. „Wie kann ichdas wissen, weshalb fragst Du sie nicht selbst?"
„Weil ich fürchtete, trotz all' meiner Bemühungen ein kurzes klares „Nein" alsAntwort zu erhalten", erwiderte Douglas , sich durch sein lockiges Haar fahrend. „Zu-dem verstehst Du augenscheinlich nicht die Art und die Weise der Kriegsführung. Hatman wohl je von eurer Festung gehört, welche durch des Feindes höfliche Einladung„Bitte, wollen Sie sich nicht ergeben?" erobert worden wäre? Und worin bestände dem:auch das Glück? Denke Dir, welche Aufregungen, welche Welt von Gefühlen man da-durch einbüßen würde. Ich glaube in der That, die Frauen nehmen deshalb eine hervor-ragende Stellung in der menschlichen Gesellschaft ein, weil es so äußerst schwer hält,eine von ihnen für sich zu gewinnen. Früher konnte man sich die Frau, welche manwünschte, einfach kaufen oder stehlen, wie jeden anderen Gegenstand. Aber jetzt — derHenker hole es — muß man Monate lang auf den Busch klopfen, um dann vielleichtschließlich doch noch mit einem Korbe beehrt zu werden — und das läßt sich auch inkeiner Weise ändern."