Ausgabe 
(17.10.1883) 83
 
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Zur Geschichte des Schachspiels.

(Aus der ZeitschriftEuropa .")

Das Spiel aller Spiele" so wird mit Recht das edle, sinnreiche Schach ge-nannt,die Lnst aller Denker", derKaiser unter den Spielen!" Seit Jahrtausendendie Freude und Erholung intelligenter Köpfe jedes Standes, gespielt von unzähligenMillionen von Pol zu Pol, die, mögen sie noch so begabt sein, dies Spiel nie auszu-lernen vermögen, wird es voraussichtlich noch lange sich derselben Beliebtheit erfreuen.

Mit der Cnltnrgcschichte der Völker theilweise auf's Innigste verwebt, ist dasherrliche Schachspiel schon unter den Sassanidcn aus Indien nach Persien verpflanztworden. Wohl beanspruchen die Perser diese großartige Erfindung, haben auch eineziemlich läppische Erzählung von der Gelegenheit auszuweisen, wobei der Vezir Nnshir-van's darauf verfallen sein soll. Aber diese Behauptung hat schon der große GeographRitter gründlich widerlegt; er weist nach, daß dieses edelste aller Spiele nuwidcrsprech-lich aus Indien stamme und sich von dort auf verschiedenen Wegen in alle Welt ver-breitet habe.

Sagenhaft, wenngleich sinnig, bleibt die bekannte Erzählung von dem BrahmincnSissa oder Sissera (400 v. Chr.), der das Spiel erfand, um dem das Volk gering-schätzenden König Schechram dadurch die Lehre zu versinnbildlichen, daß ein Herrscheran und für sich machtlos, nur allein durch seine Unterthanen mächtig und geschützt, jaselbst oft durch den Verlust eines einzigen Unterthan's (eines Bauern) verloren sei.

Auf die bekannte Gnade, die der Priester sich erbat, ein Korn für das erste, zweifür das zweite, vier für das dritte Feld n. s. w., geh'n wir nur kurz ein und erwähnendabei, daß das'beanspruchte Getreide einen Raum von 2200 Qnadratmcilen verlangteund zwar mit einer Lagerung des Kornes von 60 Fuß Höhe.

Die Araber, welche irrig angeben, daß das Schachspiel erst 226 n. Chr. ausEifersucht auf den König Artaxerxes erfunden sei, welcher das Brettspiel erdachte, habenihren Namen dafür Shetrendj von den Persern überkommen. Dies Wort ist eine Ent-stellung von Chatnr-Anga, welches im Sanscrit ein Kriegsherr, buchstäblich ein Vier-geglicdertes bedeutet. Zu einem vollständigen Heere gehörte nämlich: Infanterie, Ele-phanten, Reiterei und Streitwagen. So war denn auch das Heer des Königs Porns zusammengesetzt, den Alexander der Große besiegte.

In: Schachspiel. stellen nun die Bauern (nach unsrer unpassenden Benennung) dasFußvolk vor; die Läufer repräsentiren die Elephanten, die Springer vertreten die Reitereiund die Thürme die Streitwagen. Der König ist, Ivas sein Name aussagt, die Königinist der eigentliche Feldherr. Der bei uns eingebürgerte Ausdruck Schachmatt ist demPersischen entlehnt. Syakmat bedeutet: der König ist gefangen und todt.

Der Name der Königin oder Dame ist im Persischen oder ^sr-sin (Vezir Premierminister). Diesen entstellten lateinische Dichtungen des 12. Jahrhunderts inI^roim, woraus dann Heros, INsr^s und später Visr^s ---- Jungfrau, Dame wurden,wunderliche Umwandlung eines Diplomaten in eine Jungfrau.

Unser Thurm führt bei den Orientalen den Namen Rolclr, der sich noch in: Kunst-ausdruck rochiren erhalten hat. Ilolllc ist gleich Kameel, wie denn auch noch unserThurm bei den das Schachspiel leidenschaftlich liegenden Hindas diese Gestalt trägt undzwar mit einem darauf sitzenden Reiter.

Unser Läufer ist bei den Engländern zum Bischof (bislrox), bei den Franzosenzum Narren (Ion) geworden.

Wird berichtet, daß Palamedos bei der Belagerung Troja's znr Verkürzung derlangen Weile das Schachspiel erfunden, so ist dies eben so unbegründet, als daß dieRömer bereits das Spiel in Asien verbreitet fanden und ihr Brettspiel (luäus intronnw.oder latrnnonlorniii) eine Nachahmung desselben gewesen sei. Vielmehr haben erst dieAraber dies Spiel von den Persern erlernt und den Rittern des Abendlandes mitge-