Nr. 84.
1883.
»m
„Ängslmrger Pojheitnng?
Samstag, 20. Oktober
Der GpalrLng.
Nonian aus dem Englischen von E. C.
(Fortsetzung.)
Bertha Dalton litt an einem ähnlichen Gefühle tiefer Niedergeschlagenheit, wie St.Lawrence; sie verlor den Appetit, die zarte Nöthe ihrer Wangen erblaßte; keine einzigeBeschäftigung machte ihr mehr Vergnügen und sie war ihrer Mutter aufrichtig dankbar,
als diese den Wunsch aussprach, sie möchte nach den Ferien keine Mnsikstunden mehr
ertheilen, da ihre Kraft zu erlahmen schien. Anstatt wie sonst fröhlich im Garten zu
arbeiten, ging sie jetzt planlos darin umher und die Blätter ihres Buches wandte sie
unbewußt und ohne gelesen zu haben um. Nur ihr Licblingsdichter interesfirte sie noch.Wurde sie gebeten zu singen, so wählte sie schwermüthige Lieder und sehr häufig fingihre Stimme, ehe sie zu Ende war, an zu zittern, und sie brach Plötzlich ab.
Ihre Mutter und Schwester waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheitenbeschäftigt um diese Veränderungen wahrzunehmen. Lena, beeinflußt durch die ver-führerischen Bilder von Luxus und Wohlleben, welche Mrs. Dalton fortwährend vorihren Augen entrollte, hatte, wie sie wenigstens glaubte, den Kampf mit ihrem Herzensiegreich bestanden und war jetzt entschlossen, Mr. Faucourt ihre Hand zn reichen; sieverlangte darnach, den Schritt zn thun, der sie unwiderruflich fesselte, um endlich denPreis, welcher ihr so viel kostete, davonzutragen. Ach sie fühlte sich unglücklich, dennsie war nicht thöricht und blind genug, die Mängcl des Mannes, den sie zu heirathenvorhatte, zu übersehen. Bertha sprach znm größten Mißvergnügen der Mrs. Daltonoffen über die Abneigung, welche sie gegen Mr. Faucourt empfinde, und Lena mußtebei sich eingestehen, daß er, abgesehen von der Grafenkrone, ganz unausstehlich sei;aber diese glitzerte beständig vor ihren Augen. An der Einwilligung Lord Alphington'szweifelte sie nicht, da dessen einfache Lebensweise und sein schlichtes Wesen sie zur Genügeüberzeugten, daß er zufrieden gestellt sein werde, wenn nur die Wahl seines Enkels aufeine gebildete Dame falle. Und indem Lena ihr hübsches Gesicht und ihre schlankeGestalt im Spiegel betrachtete, war sie fest davon durchdrungen, diese Eigenschaft 'zubesitzen.
Dem heftigen Gewittersturme der verflossenen Nacht folgte ein schöner klarerMorgen; noch besaß die Sonne nicht Kraft genug, die Regentropfen, welche sich in denKelchen der Blumen gesammelt hatten, zu trocknen. Süßer Duft erfüllte die Luft unddie Vögel zwitscherten so lustig, als ob ein zweiter Frühling angebrochen sei.
„Heute wird er gewiß kommen", sagte Lena, als sie in eleganter Morgentoiletteihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Fensters einnahm.
„Dann, mein Kind, werde ich Euch unter irgend einem Vorwande allein lassen",bemerkte die schlaue Mutter; „aber um Eines möchte ich Dich bitten, Lena. Behandle