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„Sie verstehen zu schmeicheln", sagte Mrs. Dalton, lächelnd. „Aber eine solch'alte Frau, wie ich, wird sich hüten, diese Artigkeiten aus sich zu beziehen, wenn nocheine jüngere Dame zugegen ist."
„Da haben Sie ganz recht, das wäre auch nicht sehr wahrscheinlich", gab er frei-müthig zu. Er fixirte Lena bei diesen Worten so frech, das; diese ihren Abscheu kaumverbergen konnte.
„Den Herren der großen Welt darf man jedoch in der Regel nicht so viel trauen",fuhr Mrs. Dalton scherzend fort: „Man weiß schon, wie selten ihnen das, was sie sagen,gemeint ist."
„Beim Jupiter! In diesem Falle ist es nicht so. Sie glauben das nicht, MißDalton, nicht wahr?"
„Woher sollte ich das wissen?" cntgcgnete Lena ausweichend. „Vermuthlich findsie alle sich ziemlich gleich."
„So dürfen Sie nicht sprechen, auf Ehre nicht!" rief Fancourt eifrig aus. Wieimmer, wenn er mit Lena zusammen war, fühlte er auch heute, daß er sich ihresBesitzes durchaus vergewissern müsse. Die Unterhaltung begann zu stocken. Dies ge-schah regelmäßig bei Faucourt's Anwesenheit, und er gestand selber ein, daß er mit
Damen Nichts zu sprechen wisse. Mrs. Dalton fand endlich, er habe Lena lange genug
angestarrt und sagte deshalb, als ob ihr plötzlich ciu guter Einfall gekommen:
„Ich möchte wohl, wenn Sie mich gütigst entschuldigen wollen, das schöne Wetterbenutzen, um eben Mrs. Barton „Guten Morgen" zu wünschen."
„Soll ich Dich begleiten?" frug Lena. Jetzt, wo der vorhin geplante Momentgekommen zu sein schien, befiel sie eine unbeschreibliche Angst.
„O, nein, mein Kind; Mrs. Barton ist so taub, daß es in der That zwecklosist, wenn zwei zu gleicher Zeit bei ihr sind. Bis später", fügte sie, Fanconrt freundlich
zunickend, hinzu. „Ich empfehle Lena ihrer Obhut an, bis ich zurückkomme."
Sie verließ das Zimmer, und der junge Mann befand sich zum ersten Male alleinmit dem Gegenstände seiner leidenschaftlichen Verehrung.
Er war nicht mit der Absicht erschienen, schon jetzt einen Antrag zu machen, dochhatte er ein Geschenk in der Tasche, mittels dessen er auskundschaften wollte, welcheHoffnungen er habe.
Seinen Stuhl näher zu dem ihrigen heranrückend, holte er ein feines Etui her-vor und hielt es ihr geöffnet hin.
„O, wie schön!" rief Lena entzückt über das prachtvolle Brillant-Armband aus.
„Gefällt es Ihnen?" frug Fanconrt, sie mit kühnem bewundernden Blicke an-schauend, indem er sich fo nahe zu ihr hinüberbeugte, daß sie seinen heißen Athem aufihre Wange verspürte. „Es ist für meine zukünftige Gattin bestimmt."
Lena schrack unwillkürlich zurück; aber entschlossen unterdrückte sie ihren Ekel.
Mit reizend effektiven; Erstaunen rief sie aus:
„Für Ihre zukünftige Gattin? O, Mr. Fancourt, wie schlau haben sie diesesGeheimniß die ganze Zeit vor uns gehütet! Darf man erfahren, wer die Dame ist?"
„Wissen Sie es nicht, Madelina?" frug Fancourt, in derselben Stellung verharrend.
„Ich? Wie sollte ich das wissen?" antwortete sie mit bezaubernder Einfalt.
„Du bist es, Lena!" rief er, ihre Hand ergreifend und an seine Lippen führend, aus.
Lena erbebte. Noch konnte sie sich zurüchiehcn. Das Etui mit seinem glitzerndenInhalte lag geöffnet auf ihren; Schooße — sollte sie ihn; sagen, er mochte es zurück-nehmen, sie wolle kein Geschenk von ihm. Fanconrt bemerkte, wie sie zauderte und in;Begriffe stand, ihm ihre Hand zu entwinden, deshalb fuhr er eindringlicher fort: „Lenaich liebe Dich leidenschaftlich bis zur Raserei. Du mußt es gewußt haben;, in DeinerMacht steht es, mit mir anzufangen, was Du willst, aber beim Himmel, ich werde Dichnie aufgeben."