Ausgabe 
(20.10.1883) 84
 
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Sem Antlitz glühte, seine Stimme klang heiser vor heftiger Erregung. In diesen!Augenblicke hätte er sie eher tödten als einem Anderen überlassen können.

Was wünschest Du, das ich Dir nicht zu geben im Stande wäre?" fuhr erundeutlich und schnell fort.Verlangst Du Reichthum? unzählige Schätze lege ich Dirzu Füßen. Sehnst Du Dich nach hoher Stellung? auch dieser Wunsch geht in Er-füllung, denn Du wirst den Ersten des Landes zugezählt werden sie alle durchDeine Schönheit überstrahlend."

Von Neuem versuchte er sie au sich zu ziehen und diesmal widerstand sie nicht,obgleich ihr Herz stille zu stehen schien. Bis vor Kurzem hatte sie in ihren Znknnfts-träumen nie an Liebe gedacht, ja nicht einmal darnach verlangt; woher entstand dennjetzt plötzlich dieser heftige Schmerz, für immer darauf verzichten zu müssen. Es warein reeller Tauschhandel, den dieser Mann einzugehen wünschte, sie gab ihre Schönheitund erhielt von ihm Rang und Reichthum. Als er sie nachgeben fühlte, schlang ertriumphtrend seine Arme um sie und drückte leidenschaftliche Küsse auf ihre Wangen undihren Mund.

Sie ließ sich, obgleich blaß und kalt wie Eis, einen Augenblick seine stürmischeZärtlichkeit gefallen, dann entwand sie sich schaudernd seinen Liebkosungen. Ihre Lippenbebten und das Gesicht mit beiden .Händen verhüllend rief sie aus:

Sie sind zu rauh und zu dreist."

So laß mich meinen Fehler wieder gut machen", bat er das Armband auf-hebend, welches zur Erde gefallen war.Erlaube mir dieses an Deinen hübschen Arnrzu befestigen; auf Ehre, es war nicht meine Absicht, Dich zu beleidigen. Du willst dochNicht sagen, daß ein Bursche das Mädchen, welches er liebt, nicht küssen dürfe. Undich liebe Dich, Lena beim Jupiter, ich liebe Dich." Wahrend er dieses sagte, sanker vor ihr auf's Knie und befestigte den kostbaren Goldreif an ihrem Arme.Nunbist Du mein!" rief er mit flammendem Blicke aus,mein, was immer auch kommenMöge!

Lena schrack zusammen, als habe eine kalte Geisterhand sie berührt. Sollte daswohl eine Warnung gewesen sein? Wenn dem so war, so ging sie unbeachtet vorüber.

Ja", erwiderte sie leise mit stockendem Athem.

Er wollte sie wieder umarmen, aber sie sprang von ihrem Sitze in die Höhe,länger konnte sie es nicht ertragen; helle Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz.

Bitte, gehen Sie! Sie haben mich so aufgeregt, ich möchte gerne allein sein!"rief sie abwehrend aus.

Ich soll gehen? Nun, wo Du das beglückende Wort ausgesprochen hast? Duwillst mich wohl wahnsinnig machen; auf Ehre, Du brächtest das fertig."

Unsinn", entgegnete sie trocken.Ich fühle mich nicht wohl mein Kopfschmerzt. Sehen Sie denn nicht, daß ich unwohl bin?"

Nein, ich sehe nichts, als daß Du die schönste unter den Frauen und mein bist",sagte Faucourt, um sich dieses Umstandes von Neuem zu vergewissern.

Ja", wiederholte Lena, ermattet in ihren Stuhl zurücksinkend.Und nun gehenSie Sie quälen mich."

Seine Stirne zog sich finster zusammen und ein böswilliger Ausdruck erschien inseinen Augen. Er bemerkte, daß dieses Mädchen, obschon sie ihm ihr Jawort gegeben,ihn nicht liebe; aber dessen ungeachtet sollte sie die Seinigc werden.

Du führest eine seltsame Sprache, schöne Lena", sagte er bitter, seinen Platz auihrer Seite wieder einnehmend und den Arm um ihre Taille legend.Es ist gelindeausgedrückt, sehr merkwürdig Jemanden, mit dem man sich eben erst verlobt hat, indieser Weise zu behandeln beim Henker, sehr merkwürdig."

Lena's Herz klopfte stürmisch, sie vermochte kaum die Thränen zurückzudrängen.Ich fühle mich wirklich elend, morgen wird es anders sein."