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„Wünschest Du in der That, daß ich Dich verlasse und ich soll Dich dann erstmorgen wiedersehen?" frug Fancourt, einigermaßen besänftigt.
„Es ist eine sehr lange Verbannung", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln.
„Du bist grausam, ich verstehe Dich nicht, auf Ehre nicht."
„Ich meine, es sei doch nicht schwer zu begreifen, daß ich gerne über das Geschehenenachdenken möchte", entgegnete sie freundlicher.
„Worüber nachdenken? Es ist zu spät, zurückzutreten, wenn Du dies vielleichtdamit hast sagen wollen. Dein Wort ist verpfändet und glaube nur nicht, daß ich Dichje wieder frei geben werde."
„Das wünsche ich auch nicht", erwiderte Lena mit festerer Stimme, als es bisjetzt der Fall gewesen. „Aber wenn Sie wollen, daß ich es nicht bereuen soll, so ver-lassen Sie mich jetzt."
„Bis morgen denn", sagte Fanconrt, sie wiederholt umarmend. Lena duldeteseine Zärtlichkeit, da sie nicht wagte, ihn noch ferner zu kränken.
„Gedenke meiner, schöne Lena, so wie ich Deiner, und dann sei freundlicher gegenmich, wenn wir uns wiedersehen!"
Mit diesen Worten, welcher einer Drohung ähnlich klangen entfernte er sich.
(Fortsetzung folgt.)
Herbstreise eines Ermüdeten.
Ko nstantinopel, 10. Oktober.
Die Dircctoren der internationalen Schlafwagen-Gesellschaft, die sich das Verdienstund den Ruhm erworben hat, in Europa Bahn gebrochen zn haben, in der Vervoll-kommnung der Annehmlichkeiten auf langen Eiscnbahnfahrtcn, wie sie außerdem aller-dings auch schon länger uns noch Nordamerika ausweist, hatten zur Eröffnung derExprcßfahrten von Paris nach Konstantinopel mit dem neuen Wagenpark eine Anzahlvon Personen zu Gast geladen, ähnlich wie es die Erbauer der Northern Pacific -Eisen-bahn in America gethan.
Der mit ganz neuem Material und neuer Einrichtung ausgestattete Expreßzug istein rollender Gasthof größten Stils mit allen Annehmlichkeiten, die man sich nnr aus-deuten kann. Selbst Paris , das verwöhnte, hatte die Nengierde denn auch nicht be-zwingen können und war am Abend des 4. Oktober zahlreich nach dein Ostbahnhofegeeilt, um den ersten wahrhaft modernen „Orient-Expreß" zu bewundern und seine ersteFahrt beginnen zn sehen. Die Reisegesellschaft bestand aus etwa 40 Personen, diesämmtlich Gäste der Schlafwagen-Gesellschaft waren. Wie die Wirthe (OompaxnisIritsrimbioimls äos IV NAONS-Iitzs) so war die Gesellschaft im besten Sinne international,da sie sich aus allen Nationen zusammensetzte; dein Berufe nach bestand sie aus Ministern,Diplomaten, Vorstehern von Eisenbahn -Gesellschaften, Bankinstituten, endlich Schrift-stellern und zwei Damen, welch' letztere sich übrigens erst in Wien der bis dahin aus-schließlich männlichen Reisegesellschaft anschlössen.
Unser Zug bestand aus drei Nicseuwagen von je annähernd 14 m Länge; dazukamen ein Gepäckwagen als erster, ein Küchcnwagen als letzter des Zuges. Von dendrei großen Wagen enthielten zwei die reizend eingerichteten Wohnzimmercheu, theils fürvier, theils für zwei Personen, die durch wesentlich vervollkommnete Einrichtungen inSchlafzimmer zn eben so viel Betten umgewandelt werden können; der dritte Wagen bildeteinen prunkvollen Unterhaltnngs- und Speisesaal. Alle Säle, Gänge und Räume biszu den naturgemäß kleinsten herab werden die ganze Nacht hindurch mit Gas hell er-leuchtet. Die Hauptannehmlichkeit nun besteht darin, daß die Wohn- und Schlafwagen,abgesehen vor ihrer behaglichen Einrichtung, an der einen Langseite einen Gang haben,