Ausgabe 
(20.10.1883) 84
 
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auf welchem sich zwei Personen bequem ausweichen können und auf welchen von jedemder kleinen Zimmerchen eine besondere Thüre fuhrt. Ist man des Sitzcns auf den:Sopha vor seinem Schreib- und Lesctischcheu müde, so kaun man aus dem Ganqc aufund ab spazieren, seine etwa mitreisenden Bekannten besuchen, von Wagen zu Wagenwandeln, und da die Wagen alle miteinander durch gesicherte Brücken verbunden sind,in den Restaurationswagcn gehen und mit einem Bekannten ein Glas Wein trinken.Daß es in jedem Wagen ein Wasch- und Toilettczimmcr für Herren und cin's fürDamen gibt, versteht sich. Durch die Einrichtung des Ganges in jedem Wagen erhaltendie Wohn- und Schlaftänme, deren Thüren durchaus dicht schließen, nach einer Seitehin zweifachen Abschluß gegen außen und somit festen Schutz gegen Luftzug; ein Vorzug,der nicht hoch genug angeschlagen werden kaun. Daß jeder Zoll des Fußbodens mitwarmen orientalischen Teppichen belegt ist, braucht auch eigentlich nicht erst gesagt zuwerden. Unter solchen Umständen ist das Reisen ohne Aufenthalt in der That keineAnstrengung mehr, sondern eine fortgesetzte angenehme Zerstreuung, und Leute mitNerven", denen selbst der Schlaf nicht mehr Erholung bringen wollte, können hierwohl Heilung finden, wenn sie die wechselnden Landschaften von ganz Europa einmalvon Ost nach West an ihrem Blick vorüberglcitcn lassen.

Wir speisten nun allerdings nicht in Paris zu Abend, sondern in unserm Speise-wagen; in ganz Paris aber hätte man uns ein feineres und reicheres Mahl nicht be-reiten können. Als wir den Lärm der Boulevards etwa eine Stunde hinter uns hatten,in den traulichen bequemen Wohnzimmern uns zurecht gerichtet und gegenseitig uns ein-ander bekannt gemacht hatten, setzten wir uns in den prachtvoll erleuchteten, mit riesigenRosensträußen geschmückten Speiscsaal zu Tisch. Der Saal ist so eingetheilt, daß dieMitte als Gang frei bleibt, daß auf der einen Seite Tische zu je vier, auf der andernzu je zwei Gedecken aufgestellt sind. Es können ' bequem 34 Personen zugleich hierspeisen. Wir waren glaube ich am ersten Tage 32. Der größte Theil der französischen Bahnstrecke war zurückgelegt, bevor die festlich.gestimmte Tischgesellschaft sich treunte undzu Bette ging, und als wir bei Straßburg über den Rhein fuhren, hatte wohl nureiu ganz geringer Theil der Gesellschaft sich den Schlaf aus den Augen gerieben. Diemeisten erwachten Wohl erst zwischen Karlsruhe und Stuttgart . Und da hatte manknapp Zeit, sich die veränderte Welt ein wenig anzusehen, sich anzukleiden, vielleicht einenBrief zu schreiben, wenn man zwischen Augsburg und München nicht zu spät kommenwollte zum gemeinsamen Frühstück. Das bayerische Land bis über die österreichischeGrenze wurde meist bei Karten- und Dominospiel vertändelt, zum Gaffen blieb immerja Gelegenheit zwischendurch, so wenn einer Karten gab oder Dominosteine kaufenmußte. Das ztvcite Abendessen täuschte uns über die Entfernung zwischen Wels undWien hinweg; auf ungarischer Erde rollten die Wagen bereits, als wir zum zweitenMale seit Paris schlafen gingen. Zigeuner-Musik, die unterwegs in den Zug genommenworden war, weckte uns in der Gegend von Szcgedin aus dem Schlummer und spielteuns znm Frühstück bis nach Tcmesvar ihre Weisen auf. Der Nachmittag führte unsdurch die malerischen Züge der südlichen Karpathenhünge hindurch, wo eine immer wiederneue landschaftliche Schönheit die vorhin gesehene überbot. Auf rumänischem Bodenspeisten wir Zu Abend und in Bukarest war der Zug viel zu früh morgeus schon ein-gelaufen, als daß die Gesellschaft hätte aus den Federn sein können.

Ursprünglich war in Bukarest ein Aufenthalt von 24 Stunden geplant und darumwar unser Zug statt Freitags schon Donnersstag abends von Paris abgefahren. Nunwollte es der Zufall, daß an demselben Sonntag, an welchem wir in Bukarest ankamen,das Schloß des Königs Karl in den Karpathen, Sinaja , feierlich eingeweiht wurde.Schon um die frühe Morgenstunde fuhren die Minister, die Präsidenten beider Kammernund sonstige Würdenträger hinaus und auch derOrient Expreß" entschloß sich kurz,den Abstecher in die Karpathen an Stelle einer Besichtigung der Stadt Bukarest zu setzen.