Ausgabe 
(20.10.1883) 84
 
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Nach einer kurzen Wagenfahrt durch die rumänische Königsstadt dampften wir gemäch-lich durch die rumänische Ebene bis hinauf in den neuesten Karpathcnlnftcurart Sinaja .Gegen Mittag besichtigten wir das herrliche Schloß, welches uns aufs freundlichste ge-stattet wurde. Ja, zu unserer großen Ucberraschung und Freude ließ das Königspaarsagen, daß es uns persönlich sehen wolle. Und so verbrachten wir denn zwei Stundenals Gäste des rumänischen Königspaares in Sinaja . Es ist kaum zu schildern, mitwelch vollendeter Vornehmheit und Freundlichkeit zugleich König Karl mit jedem einzelnenseiner Gäste sich zu unterhalten verstand, wie er unpassende Versuche, sich journalistisch'ausbeuten zu lassen, abwies und gegen den formlosen Zudringling selber und dessenAbsichten kehrte sein interessirtcr Franzosenfreuud wollte die Skandale gegen König Alfonsals harmlos und unbedeutend hinstellen und König Karls Zustimmung zu dieser Dar-stellung erprcsseuj, wie er stets leutselig, liebenswürdig verbindlich war und auf allenGebieten zu Hause. Wurde ihm eilt Deutscher vorgestellt, so sprach er sofort Deutschmit ihm. Das that auch die Königin, und dabei ereignete es sich, daß ein geborenerDentschböhiue die Frage der Königin: Sie sind ein geborener Deutscher? angesichts sovieler Franzosen nicht recht beantworten wollte. Die Königin löste ihm die Zunge sehr-geschickt mit den Worten:Nun, Sie brauchen sich dessen nicht zu schämen!" DieKönigin unterhielt sich mit allen Gästen und ganz besonders lebhaft und eingehend miteinem rheinischen Landsmanuc, dem es eine Herzensfreude ist, sagen zu dürfen, daß diedeutsche Frau auf dem rumänischen Königsthrone bei aller Liebe für ihr Volk das Herzfür die deutsche und rheinische Hcimath nicht verloren hat, wo ihre Wiege stand, wo sieeinen Theil ihrer Erziehung genoß.

Carmeu Silva,der Wald ist ein Gedicht". Die königliche Frau hat sich einrichtiges Wort zu ihrem Dichternamcn gewählt. Diese herrlichen Wälder um Sinaja herum sind ein prächtiges Gedicht, und das Schloß, das jetzt mitten drimc vollendetsteht, ist wie eine Art Musik zu diesem Gedicht. Es spiegelt den Geist der ganzen Um-gebung in sich wieder. In altdeutschem Burgstil gebaut, ist es mit einem ebenso voll-endeten Geschmack ausgestattet, wie es inallen Einzelnheiten bequem und praktisch ein-gerichtet ist. Reich und'prächtig, aber nicht prunkvoll-aufdringlich sind die großen Em-pfangsränmc, behaglich und gemüthlich die Wohnräume. Es war eine Art Ehrgeiz unterden Zugehörigen der verschiedenen Nationen ansgebrochen, wo die Einrichtung, insbe-sondere die Holzarbciten angefertigt seien. Deutsche Industrie hat hier einen neuen Beweisihres Könnens geliefert. Es ist ein Mainzer Haus, das die Einrichtung geliefert hat.

In Bukarest kamen wir spät wieder an und suchten alsbald die Betten auf. DerTag war doch etwas ermüdend gewesen, da die Wälder um Sinaja zu allzu langenSpaziergängen verleitet hatten. Zeitig morgens setzten wir über die Donau und betratenin Rustschnk das jüngste Fürstcuthum Bulgarien . Nach schneller Rundfahrt durch dierecht malerische Stadt stiegen wir noch einmal in die Eisenbahn, um zuerst die ödenAcker- und Wcidcflächcn, dann die äußerst formen- und farbenprächtigen Ausläufer desBalkangcbirges in Bulgarien zu durchstiegen. Welch ein Abstand gegen die reichen Ge-filde Frankreichs und des Elsaß ! Ein wundervoller Sonnenuntergang verklärte die Berge,als wir in Bnrna an Bord des Llohddampfers gingen, der uns in ruhiger Fahrtmorgens bei Sonnenaufgang in den Bosporus einfuhr. Auf europäischer wie asiatischerSeite schlummern glänzende Villen zwischen dunklen Pinien und Cyprcssen, und ebenbricht die Sonne warm durch die drohenden Wolken. Da liegt es vor uns, das er-sehnte Konstautinopet. Die schimmernden Sultanspaläste, die riesigen Moscheen, dasunentwirrbare und unübersehbare Gewirr der Häuser. Dazwischen auf dem Bosporus wie auf dem Goldenen Horn die Menge von Masten, Segeln und kleinen Booten, dieuns förmlich umlagern, um uns an Land zu bringen: dieser Schlußeffect unserer Fahrtlahmt uns zeitweilig Bewegung, Sprechen und Denken.

Paris , Konstantinopcl und was dazwischen liegt in fünf Tagen Hans Dampf