Ausgabe 
(24.10.1883) 85
 
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Nr. 85.

1883.

jur

Äugsdnrger Postzeitung."

Mittwoch,

24. Oktober

Der Opalring.

Roman aus dem Englischen von E. C.

(Fortsetzung.)

i Achtzehntes Capitel.

Als sich die Thüre hinter Faucourt geschlossen hatte, stürzten die Thränen ausLena's Augen hervor; mit zusammengepreßten Lippen, die Hände fest ineinander ge-schlungen, schritt sie hastig im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit in lautes Stöhnenansprechend. Das höchste Ziel ihres Lebens hatte sie erreicht, und welches waren ihre! Gefühle in diesem Augenblicke? Sie glaubte verzweifeln zu müssen.

!> Erst seit kurzer Zeit drängte sich der schwärmerische, wenig einträgliche Gedanke

! an eine Heirath aus Neigung ihrem Herzen auf, um rasch wieder erstickt zu werden.

§ Es war nicht auffallend, daß sie ihrer Erziehung gemäß handelte. Sie wußte wie ihr

Vater ein reicher Mann hätte werden können, wenn er nicht Ehre und Reinheit derGesinnung allem Anderen vorgezogen hätte; schon von der frühesten Jugend an hörtesie ihre Mutter beständig über diese Thorheit ihres Mannes lamentiren und die Vor-theile aufzählen, deren sie sich zu erfreuen haben würden, Nenn der Vater vernünftigerund mehr wie andere Menschen gehandelt hätte. Was Wunder, daß die Tochter ihrenbesseren Gefühlen mißtrauen lernte in der Furcht, diese möchten ihr auf dem Wege zumGlücke hinderlich sein!

In dieser qualvollen Stunde, welche für sie die beglückendste hätte sein müssen,wandte sich ihr Herz mit stürmischem Verlangen St. Lawrence zu, und doch, wenn erjetzt vor sie hingetreten, um ihre Liebe gefleht und sie gebeten hätte, sein Weib, dasp Weib eines armseligen, mit Noth und Sorgen kämpfenden Künstlers zu werden, würdeI sie die Kraft besessen haben, um ihre glänzenden Aussichten zum Opfer zu bringen?

Sie stellte sich diese Frage, undnein, tausendmal nein", antwortete es in ihrem Innern./ Es ist so am Besten oder doch wenigstens unnütz, jetzt noch weiter darüber nachzugrübeln.

/ Entschlossen trocknete sie die Thränen von ihren Wangen ab. In Zukunft wollte sie

nur die verführerischen Bilder des Lebens, welches sie als Gräfin von Alphington zuführen gedachte, vor ihren Blicken dulden. Getreu diesen: Vorsätze begann sie schon jetzt,sich in: Geiste mit den kostbarsten Gewändern und Juwelen geschmückt, bewundert, ver-göttert und beneidet zu sehen, bis allmälig die Farbe auf ihre Wangen zurückkehrte, ihranfangs so eiliger Schritt langsamer wurde und sie Bertha, welche aus den: Gartenhereinkam, schon mit einen: Lächeln des Triumphes empfangen konnte.

Als Mrs. Dalton das Hans verließ, hatte sie dieser in: Vorbeigehen eingeschärft,nicht das tsto-st-tsta zu unterbrechen, und wie wenig Gefallen Bertha auch an einen:solchen Manöver fand, so wagte sie doch nicht, den Befehl ihrer Mutter zu übertreten.Bertha war ja gewohnt, Vieles und Schmerzliches stillschweigend zu tragen, und washätte es auch genützt, eine entgegengesetzte Ansicht zu äußern, da sie nicht die geringsteMacht besaß, das zu ändern, was sie nicht billigen konnte.