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Wie sie Fancourt raschen Schrittes, ohne sie aufzusuchen, den Garten verlassensah und ihn mit barscher Stimme seinen Reitknecht herbei rufen hörte, tauchte die Hoff-nung bei ihr auf, Lena's cdlere Gefühle hätten den Sieg davongetragen und der ehren-werthe Mr. Fanconrt sei abgewiesen worden.
Sie verweilte noch einige Zeit zwischen den Blumenbeeten, um der Schwester Ruhezu gönnen, sich nach der jedenfalls aufregenden Scene wieder zu sammeln, dann ging sie,gespannt, wie die Unterredung abgelaufen, dem Hause zu.
Als Bcrtha eintrat, stand Lena in der Mitte des Zimmers mit einem stolzen,kalten Ausdrucke im Antlitze, der jede Zurechtweisung oder Theilnahme von vorn hereinabzuweisen schien. Der Diamantreif funkelte an ihrem Arme. Bcrtha's erster Blick fieldarauf und ihr Muth sank. Die Annahme eines solch' wcrthvollcu Geschenkes ließ nureine Deutung zu. Mit spöttischem Lächeln, die ernste Haltung ihrer Schu-ester beobach-tend sagte Lena:
„Nun, Bertha, weshalb wünschest Du mir nicht Glück?"
„Ist es denn wirklich entschieden?" frug diese in besorgtem Tone.
„Ja, es ist entschieden." Lena unterdrückte einen leisen Seufzer. „Ist das nichtein prachtvolles Verlobungsgeschenk?"
Sie hielt Bertha mit diesen Aorten das Armband hin.
„Ja, es ist wunderschön aber, Lena, wenn ich nur auch die Gewißheit hätte, daßDu wahre Liebe für Air. Fanconrt empfindest!"
„Liebe! " wiederholte ihre Schwester mit bitterem Lachen. „Man könnte fastglauben, Du seiest eine Schäferin des goldenen Mittclalters. Meinetwegen magst Du,holde Amarylli's, Deine Liebe für Dämon preisen, so viel Du immer willst, aber ichbitte Dich, versuche doch nicht, diese Idyllen in das prosaische neunzehnte Jahrhunderthinüber zu verpflanzen."
Bertha blickte sie traurig an; diese leichtfertige Aeußerung verrieth ihr mehr nochals ein offenes Geständniß, welcher Schmerz das Herz Lena's erfüllte. Sie legte ihreArme um den Hals der Schwester und küßte sie herzlich, indem sie frug:
»Ist es zu spät?"
„Ja, es ist zu spät, Du thörichtes Gänschen", entgegnclc diese, die LiebkosungenBertha's abwehrend, da sie fürchtete von der eignen Rührung überwältigt zu werden.„Sieh mich doch nicht so bedauernd an; die zukünftige Gräfin von Alphington ist wahrlichkein Gegenstand des Mitleids. Dort kommt Mama, sie wird mir mit Freuden gratuliren."
Mrs. Dalton schritt rasch, nicht ohne einige Besorgnis; über den Verlauf der Unter-redung, den Garten Pfad entlang; sie erwartete Fanconrt noch anzutreffen und war bereit,ihm ihren mütterlichen Segen zu ertheilen. Als sie das Wohnzimmer erreichte, und diebeiden Mädchen dort allein erblickte, erschrack sie heftig, aber ein Blick auf Lena's Armmachte ihrer Furcht ein Ende.
„Meine liebe, theure Lena!" rief sie, auf diese zueilend und in ihre Arme schließend,aus. „Ich brauche nichts zu fragen, ich sehe schon, daß alles so ist, wie es sein sollte.Von ganzem Herzen wünsche ich Dir tausendmal Glück, mein liebes Kind."
„So ist es recht, Mama", antwortete Lena mit demselben halbvcrächtlichen Lächeln,mit welchem sie auch der Schwester ihre Verlobung angezeigt hatte. „Bertha konntees nicht über sich gewinnen, mir etwas Artiges darüber zu sagen."
„Hoffentlich wird der Erfolg Deiner Schwester Dir zum Vorbilde dienen und Dichetwas Vernunft lehren", wandte sich Mrs. Dalton an ihre jüngere Tochter. Und Lenavon Neuem umarmend, fuhr sie fort:
„Wie glücklich hast Du mich gemacht, mein Herz! Aber weshalb ging Mr. Fan-court schon weg?" Warum hat er mich nicht abgewartet?"
„Weil ich ihn fortschickte. Sei unbesorgt, er wird schon morgen wiederkommen",sagte Lena, das schwere Armband ablegend.