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Seine Stimme zitterte: „Freunde! Könnte es wohl möglich sein, kein wärmeresGefühl als das der Freundschaft für Sie zu empfinden, nachdem man so genau mitIhnen bekannt geworden ist wie ich? Gönnen Sie mir Zeit —, lassen Sie mich ver-suchen, Ihre Liebe zu erringen, oder, verzeihen Sie mir meine Frage", fuhr er, ihreplötzliche Nöthe und bebenden Lippen bemerkend, mit bleichen Wangen fort, „ist vielleichtJemand anders —Er beendete den Satz nicht. Ein lautes schmerzliches Stöhnen
unterbrach ihn; sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig.
„Vergeben Sie mir — o! vergeben Sie mir mein ungeschliffenes Benehmen!"flehte Douglas in größter Aufregung. „Um Ihnen ein Leid zu ersparen, würde ichgerne mein bestes Herzblut zum Opfer bringen und nun bereite ich Ihnen selbst nochsolchen Schmerz."
Aus seinen redlichen blauen Augen stürzten Thränen hervor, er verhüllte dasGesicht mit der Hand; sie sollte nicht sehen, wie sehr er litt.^ So bald er wieder Herrseiner Stimme war, fuhr er fort: „Ich hatte ein hübsches Luftschloß gebaut, aber wie
bald ist es in Nichts zerronnen — doch ich will Sie nicht länger quälen, ich sehe ein,
daß ich mich geirrt hatte."
Bertha streckte ihm ihre Hand entgegen. „Es ist wirklich nicht aus Mangel anAchtung vor Ihnen, aber —" sie verstummte plötzlich. Eine brennende Nöthe verbreitetesich über ihr Antlitz.
„Sagen Sie kein Wort weiter", bat Douglas , ihre Hand an seine Lippen führend.„Nur ich bin zu tadeln; ich hätte es wissen können. Wie bitter mich auch die Ent-täuschung treffen mag, denn ich hoffte —" der Schmerz übermannte ihn von Neuem;nach einer Weile sagte er: „Bitte, betrüben Sie sich nicht meinetwegen. Darf ich hoffen,daß Sie mir das Vorrecht, ihr Bruder sein zu dürfen gewähren wollen? Des einenoder anderen Tages, wenn diese Stelle in Ihrem Herzen mir genügen kann, werde ichzurückkehren. Nie will ich wieder so vermessen sein; vertrauen Sie mir. Ich könntees nicht ertragen von Ihnen als Fremder behandelt zu werden."
„Ich vertraue Ihnen unbedingt", entgegnete Bertha, sich Mühe gebend, ihre Fassungwieder zu erlangen. „Wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten, so würden Sie sichüberzeugen, daß ich Ihnen in Allem, ohne Rückhalt vertraue. Ich bedauere so blindund mit meinen eignen Gedanken beschäftigt gewesen zu sein. Diesen Kummer hätte ichIhnen ersparen müssen."
„Beunruhigen Sie sich deshalb nicht. Es ist besser, wenigstens für mich, daßwir einander ganz verstehen. Denn sehen Sie, ich bin so ein träger, unsteter Kameradgewesen, nicht halb gut genug für Sie, das weiß ich — doch wenn Sie mich Hüttenlieben können — nun erwähnen wir es nicht weiter", brach er plötzlich mit der Handüber die Augen fahrend, ab. „Meine Liebe zu Ihnen wird mir helfen, ein bessererMensch zu werden. Um keinen Preis in der Welt möchte ich wünschen, Sie nicht ge-kannt zu haben, Bertha — Sie erlauben mir doch, Sie so zu nennen. Gott segneSie! —"
Bei diesen Worten erhob er sich. Bertha weinte still vor sich hin.
Noch ein tiefer, nicht zu unterdrückender Seufzer, ein herzlicher Händedrvck — eininnig zögernder Blick und er ging fort — ein Held in diesem Augenblicke.
Zwanzigstes Capitel.
Sobald Douglas sie verlassen hatte, stürzte Bertha die Treppe hinauf zu ihremZimmer, dort sank sie vor dein Bette äuf die Knie und brach in lautes Schluchzen aus.Sie war unglücklich im Innersten betroffen, in mehr als einer Hinsicht. Jetzt erinnertesie sich der vielen kleinen Aufmerksamkeiten, welche ihr wohl die Augen in Betreff derGefühle voir Douglas hätten öffnen müssen. Und sie mochte ihn ja so gerne leiden —wie oft hatte sie sich namentlich in letzterer Zeit ausgemalt, ivelches Glück es sein würde,