Ausgabe 
(27.10.1883) 86
 
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ihn als Bruder zu besitzen. Anstatt dessen war sie jetzt unbewußt die Ursache seinesKummers geworden, sie trieb ihn fort von hier einen ihrer besten und theuersten Freunde.

Was wird er von mir denken", stöhnte sie leise,ob er wohl errieth, daß ichtJemauden liebe, der sich nichts aus mir macht? Und doch, er ist so gut, so edel, soalentvoll, wie könnte ich anders, als ihn lieben!"

Eines tröstete sie; selbst wenn auch Douglas ihre Gefühle für seinen Freund ver-muthete, er würde sie doch nicht verrathen. St. Lawrence werde nie erfahren, wie sehrsie ihn liebe, nie sie ihrer Zuneigung willen, welche sie ihm ungesucht geschenkt, verachtenkönnen; dessen war sie gewiß. Als sie etwas ruhiger wurde, stellte sie sich die Frage,ob sie wohl Douglas , wenn sie St. Lawrence nicht kennen gelernt, hinreichend geliebthaben würde, um seine Frau werden zu können. Ihr Herz antwortete:Nein!" ZumBeschützer und Geführten durch's Leben genügte ihr der lebhafte, sorglose junge Künstlernicht, wenngleich sie sein gutmüthiges, theilnehmeudes und edles Herz vollkommen zuschätzen wußte.

In Gedanken durchging sie die verflossenen Sommermonate, wo sie ganz sichergeglaubt, St. Lawrence habe ihre Gesellschaft geliebt. Wie oft hatte nicht ihr Herz beidem beredten Blicke seiner Augen und dem zärtlichen Tone seiner Stimme heftiger ge-geschlagen! Woher war später die plötzliche Veränderung entstanden? Was hatte siegethan? Welches war die Ursache, daß sie aus dem schönen Traume, in den sie sich fastunbewußt eingewiegt, seit einigen Wochen so schmerzlich aufgeweckt worden war? Undwenn er sich geändert hatte, sie konnte und durfte nicht versuchen, ihn zu sich zurückzu-führen. Der helle Sonnenschein ihres Lebens war erloschen, ihr blieb nichts übrig, alssich zu unterwerfen und stillschweigend ihr Kreuz zu tragen. Douglas litt ja ihretwegendenselben Schmerz. Im Laufe der Zeit würden sie beide, so hoffte sie, ihren Gramüberwinden, so bitter auch dieser Gedanke augenblicklich sein mochte.

Die muthig entschlossene Bertha überließ sich nicht länger dieser großen Trost-losigkeit, sondern kühlte ihre brennenden Wangen und ging dann hinunter, um emsigan der Aussteuer ihrer Schwester zu arbeiten. Nachdem sie eine Zeit lang mit Nadelund Schecre beschäftigt gewesen, kehrte die äußere Ruhe zurück, doch ihr Kopf schmerztenoch sehr, und so suchte sie ihren gewohnten Zufluchtsort, den Garten auf.

Es war liebliches Wetter, der Regen am Morgen hatte die Lust erfrischt und ab-gekühlt, zarte weiße Wölkchen schwebten am blauen Himmel, die Bäume wogten undrauschten, als ob sie Leben besäßen. Schon früher hatte Bertha ihr geheimes Leid denRosen zugeflüstert und die Lilien in ihr Vertrauen gezogen; sie alle schienen ihr jetztlächelnd zuzuwinken, als ob sie sagen wollten:Komme zu uns, wir wollen Dich trösten."Pinch, welcher seinen Platz an der Hausthüre inne hatte, erhob sich, als seine jungeHerrin hinaustrat und streckte die Pfoten an ihr in die Höhe, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Armer, alter Pinch!" sagte sie, sich zu ihm niederbeugend und ihre Wange aufden glänzend schwarzen Kopf des Hundes legend.Du mochtest ihn auch gerne leiden.Aber er macht sich nicht's aus uns, Pinch er kommt nie mehr hierher."

Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich zu dem Seitenwege. Hier fanden ihreMutter nnd Lena sie, als sie nach Hause zurückkehrten. Sie waren allein, da Mr.Faucourt sie Geschäfte halber, wie sie sagten, verlassen mußte.

Lena erzählte ihrer Schwester, daß sie beim Goldarbeiter gewesen, den Opal aus-gesucht und dann den Ring nach ihrer Angabe bestellt hätten. Ihr Bräutigam habeihr durchaus ein Geschenk machen wollen, ehe sie den Laden verließen, und so sei einSchmuck von Türkisen gewählt worden.Blau ist ja meine Lieblingsfarbe", fuhr siefort.Die Brautfnhrerinnen müssen auch hellblaue seidene Unterkleider und im HaareVergißmeinnicht tragen. Glaubst Du nicht auch, daß das hübsch sein wird?"

Ja, sehr hübsch", erwiderte Bertha zerstreut, während sie dein Hause zugingen.

(Fortsetzung folgt.)