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Von der Eröffnung der Northern Pacisie-Bahn.
(Von der Köln . Ztg. Special-Verichterstatter.)
Jegliches Ding hat ein Ende, sagt man, und eine Wnrst hat deren zwei. DieNorthern Pacific-Bahn aber unterscheidet sich dadurch vou jeglichem Ding undvon einer Wnrst, daß sie gar kein Ende hat, oder vielmehr bereit viele. Da ist zunächstPortland an einer breiten, 160Rm weiter unten in den Ocean führenden Wasserstraße:den: in den Columbia fallenden Willamette, der sich als das richtige Thor der neuenWcltstraße nach dem Meere zu betrachtet. Aber der Schienenweg hat sich schon weiterden Colnmbiaflnß überspringend, bis zur Südspitze des Puget-Snnds vorgeschoben, woTacoma an der Commencemcnt-Bai zwischen brennenden Baumstümpfen von zu-künftiger Größe und Ueberflügeluug Sau Franciscos träumt. Diese Städte aber habenalle beide vorgeschobene Posten und Mitbewerber um das, was sie den „tormiirus"nennen. Mit Portland ringt Astoria, die Pfahlstadt, 160üm tiefer, nahe bei der Seeliegend, um die Palme, und in Taeomas Zukunftsmusik klingt mißtönend des weiternördlich gelegenen Seattles Bestreben hinein, zugleich das Neapel und das New-Zsorkdes Westens zu werden. Jetzt, ivo die Sonne des Weltverkehrs ihre ersten Strahlenüber diese Gefilde von unerschöpflicher Fruchtbarkeit wirft, vermag keine Phantasie zuermessen, bis zu welchem Grade und in welchen Ncrhälinisseu diese Ausiedlungeu sichentwickeln werden und wo die Bäume am höchsten in den Himmel hineinwachsen sotten.Wir haben in allen diesen Städten bei rauschenden Banketten sehr ernsthaft alle Gründefür die Bevorzugung einer jeden erwogen, haben mit vielem Interesse die in den Fest-reden aufgeführten langen statistischen Darlegungen der Quellen und Mittel des Reich-thums jeder Stadt vernommen und zum Danke für die freundliche Aufnahme einer jedenversprochen, daß sie und keine andere den „törmiurm" haben sollte.
Nach der langen Reise durch die eben zur Gesittung erwachenden Gefilde vonDakota und Montana trat Portland uns sehr vornehm und großstädtisch entgegen. Aufder weiten Fläche des Willamette wiegten sich stattliche Vvllschiffe, weiße, hochgethürmteFlußdampfer der Northern Pacific -Gesellschaft durchfurchten die Gewässer nach allenRichtungen, stattliche Gebäude begrenzten den Quai und aus den Nebelschleiern um dieHöhen blickten herrschaftliche Villen unter dunkeln Fichtengruppen hervor.. Unmittelbarvon deut Dampfboot, das uns vom Bähnzuge nach dem südlichen Ufer hinübergeführthatte, betraten wir, teppichbelegte Treppen hinaufsteigend, prachtvoll ausgestattete Räume,die zugleich als Amtsstuben und für die Bequemlichkeit der Reisenden eingerichtet waren:das Wharf mit Toilette, Lesezimmer, bequemen Sesseln, Bedienten in Livröe und sonstigen,bei uns unbekannten Annehmlichkeiten. Vor dem Wharf hielten Tag und Nacht herr-schaftliche Wagen, die uns die ganze Zeit unseres Aufenthaltes hindurch zu beliebigsterVerfügung standen. Das Ansehen der Stadt war so, wie es das von Chicago undNew-Iork in deren jüugern Jahren gewesen sein soll. Die Straßen im Naturzuständemit Trottoirs aus Brettern, die Hüuserflnchten schnnrgrade mit rechtwinklig einfallendenSeitenstraßen, sämmtliche Gebäude aus Holz, Trinkbudcn, Kramläden, Engrosgeschäfte,Gasthöfe und Kirchen; überall weite Thüren, große Schaufenster, Verschwendung vonGasflammen bis spät in die Nacht hinein. Im Gasthofe die übliche weite Vorhalle mitden großen Spucknäpfen und den müßig nmhcrstehcndcn Speihähncn, den: Office zurLinken und dem Lese- und Schreibtische zur Rechten, anstoßend an den Billard- undBar-Noom einerseits und au den Restaurant gegenüber. Oben das Sprechzimmer, dasHeiligthum der Ladies, den ganzen lieben langen Tag hindurch nur von wisperndemGeräusch regungsloser Gruppen erfüllt wie ein Gotteshaus, und sodann endlose Fluchtenvou Gastzimmern, die außer deut stattlichen Nachtlager nur sehr dürftige Ausstattunghaben. Die breiten, langen Straßen der Stadt aber laufen in Viertel von Villen undBrctterhütten aus, und schließlich in den einsamen Fichtenwald, wo sie zu Pfaden eilt-