Ausgabe 
(27.10.1883) 86
 
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schrumpfen und sich zwischen Gestrüpp und schwarzen Bauinstümpfeu verlieren. Da istkeine Promenade, die mit regelmäßigen Linien ein architektonisches Element und etwasRahmen in die Landschaft brächte, keine Kunststraße, die zu gemüthlichem Schlenderneinlüde. Kuhpfad und Eisenbahn, auf diesen beiden Gegensätzen bewegt sich der ameri-kanische Verkehr, und in ähnlichem Kontraste spielt das gcsammte Leben sich ab.

Bei einer amerikanischen Stadt sieht man sich nicht nach alten Bauwerken interes-santen Häusern, in Museen oder bei Antiquitätenhändlern um, sondern man fragt vorAllem:was ist sie werth?" Portland hat voriges Jahr im eu c-ros-Geschäft allein40 Millionen Dollars umgesetzt. Die ganze Stadt ist, ähnlich wie Ncw-Iork, Chicago ,St. Paul, ein einziges großes Packhaus; Kisten, Säcke und Körbe häufen sich auf allenStraßen und Plätzen; man sieht im festländischen Europa gar nichts Aehnliches. lindda nur ein Lump mehr gibt als er hat, so legte Portland in seinen Empfangsfeier-lichkeiten zur Eröffnung der Northern Parcisic-Bahn das Hauptgewicht auf eine Vor-führung seiner natürlichen und crwcrblicheu Reichthümer. In einem laugen und lustiggeschmückten Aufzuge zogen Pyramiden von Säcken duftigen Weizenmehls,Oregons Stolz", viereckig gehauene Fichtenstämme von 50 Meter Länge, Holzblöcke vonMeter Durchmesser, Salme in großen, halbdurchsichtigen Tafeln Eis eingefroren, Pelz-werk, Flachs von unglaublicher Länge, Hopfen mit fingerlangen Zäpfchen, Blöcke vonSteinkohlen und was sonst die üppige Erde hier mit vollen Händen spendet, einher;dazu die verschiedenen Gewerbe, in ähnlicher Weise dargestellt wie in St. Paul dieCigarrenarbeiter drehten ihre Stengel und warfen sie unter das Volk, die Zeitungendruckten Extrablätter, die Schmiede hämmerten einen riesengroßen Dampfkessel fertig.Eine besondere Erscheinung war eine Schaar junger Indianer, die hier zur Schule gehenund säuberlich in blaue Wolle gekleidet waren, meist kleine Kerle mit sehr kümmerlichenUntergestellen. Auch König Gambriuus, der Patron der dentsch-amcricanischen Millionäre,zog in voller Herrlichkeit einher, und ein deutscher Turnverein rief uns aus teutonischenKehlen einGut Heil" zu. Die Buchdrucker führten ein Schild mit der Inschrift:Dcutschttmd gab uns die Buchdrnckcrkunst, Deutschland gab uns H. Billard, Billardgab uns die Eisenbahn; die Eisenbahn verbürgt uns die Zukunft." Portland hatte vielin künstlerischer und symbolischer Zier gethan; junge Mädchen stellten Karyatiden undStandbilder- dar oder symbolisirten in griechischer Gewandung irgend welche Eigenschaft,Tugend oder nützliche Idee. Und die Standbilder nickten dankbar, wenn man ihnenBeifall klatschte, und die symbolischen Eigenschaften, Tugenden oder nützlichen Ideen aßenund tranken in aller Gemüthlichkeit, wenn ihnen die Zeit lang wurde. Die zur Ehreder Theilnahme am Festzuge zugelassenen Hunde trugen das americanische National-banncr, und das dünkte Niemand eine Profanatioü, wie es vielleicht in andern Ländernder Fall gewesen sein würde, wo größere Ungleichheit der Stände vorherrscht und Hundeund Pferde eine minder bevorzugte gesellschaftliche Stellung einnehme». Nebenbei beinerkt,scheinen aber auch diese Thiere, namentlich die Pferde, infolge der ihnen zugewendetenAufmerksamkeit viel gelehriger und aufgeweckter zu sein, als ihre gedrückten Verwandtenin der alten Welt. Ein sehr interessanter Theil des Zuges endlich war die Schaar derPioniere, Leute, die in den Vierzigern Jahren und früher diese Flußläufe hinauf in denUrwald vorgedrungen sind, als Nothhaut und Bär noch die Herren des Landes waren.Das waren Leute mit tiefgefurchteu, gebräunten Gesichtern, mit laugen weißen Haarenund Bärten, gebeugt von harter Arbeit, und Entbehrung, aber nicht gebrochen, wie eindreifaches donnerndes Hurrah bewies, mit dem sie, beim Vorüberziehen vor uns Haltmachend, den Vollender der Bahn und seine Gäste begrüßten. Uebrigcns war Portland mit mehr Geschmack und künstlerischem Sinn geschmückt und beleuchtet, als irgend eineder vorher von uns besuchten Städte, und es schien das wiederum ein Anzeichen davonzu sein, daß der Sinn für Schönheit und Reiz der äußern Form im Westen günstigereVorbedingungen vor sich hat, als in dem ganz von nur englischem Wesen beherrschten