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Osten. Die Flaggen, mit denen die Straßen geschmückt waren, trugen in naiver Weisin riesigen Buchstaben den Namen je eines der eingeladenen Gäste, und mancher derlehtern, dessen Licht in Europa zur Zeit nach unter dein Scheffel steht, sah mit Er-staunen und Befriedigung, zu welch' berühmtem Manne er an der Westküste America'sgeworden war. Vor allen Dingen aber fehlte es auch in Portland an dem großenNedeturniere nicht, in dem alle großen Leute der Gesellschaft vor dem Publicnm eineLanze brechen mußten. Man bewundert bei solcher Gelegenheit immer wieder in gleichemMaße die Gewandtheit und den guten Humor der Redner wie die Theilnahme und denoffenen Sinn des Publicnms, das gewohnt ist, Tag für Tag öffentlichen Dingen seineAufmerksamkeit Zu widmen. Das in einer riesigen Halle abgehaltene Nedcfcst wurdedurch einen Chorgesang kleiner Mädchen und Knaben eingeleitet, die sehr sinnig in einein die Farben des Firmaments gesetzte Nische grnppirt waren, wo die schwarzgekleidetenKnaben im Hintergrund die iu verschiedene lichte Farben gekleidete Mädchenschaar wirk-sam hervorhoben, also daß man einen Chor seliger Geister zu sehen glaubte.
In Portland's dunkeln Wäldern Bären und Elche zu schießen, hatten wir keineZeit, Portland's schönen Damen den Hof zu machen, erlaubten uns Verhältnisse, Berufs-pflichten und znm Theil auch der eigene Charakter nicht. Wenn es somit dennocheinmal galt, in den zlvei Tagen unseres dortigen Aufenthalts einige Zeit nützlich todt-zuschlagen, so bot sich dazu eine Gelegenheit ganz neuer Art in dem Besuche des chine-sischen Viertels dar. Die Söhne des Reiches der Mitte haben sich in allen Küsten-städtcn des Westens eine Art von Klein-China eingerichtet und wohnen in Portland wiein Victoria am Puget-Sund und anderwärts meist für sich in besondern Stadtbezirken.Paläste, Villen, Gärten, Kirchen gibt es hier nicht. Gleich Muscheln, die sich dicht anFelsen oder Pfähle angesetzt haben, drängen hier kleine graue Bretterhütten mit seltsamverschrobenen und verzwickten Eingängen sich labyrinthisch aneinander. Keine Regungdes Schönhcitsgefühls gibt den engen Verkaufsbuden, Barbicrstuben, Werkstätten irgendwelche Zier; Armuth oder graues Nützlichkeitsprincip wehren allem, was nicht der nacktenNothdurft dient. Und um diese Wespenzclleu summen dicke, kleine, langgczopfte Kerle,ohne Bedürfnisse, ohne Weiber und ohne Humor, Tag und Nacht sich plackend und zu-sammenscharrend in Fabriken, in Küchen, als Holzhacker und Wäscherinnen, als Haus-knechte und als Mädchen für alles. Ihre Sparpfennige schicken sie nach Hause zurück,gleich wie ihre Gebeine, wenn sie todt sind, und Raub mag es ihnen sogar scheinen,daß sie das Land, das sie nährt, düngen müssen. In Portland wohnen an 6000dieser hinterasiatischen Brüdcr, nicht weniger als ein Viertel der ganzen Bevölkerung.
Unbekannt mit der Sprache und den Gebräuchen dieser Zopfmänner, konnte ichihnen bei der Besichtigung ihres Viertels nicht viel mehr als Aeußerlichkeiten abgucken,die nur znm größten Theil unverständlich blieben. Wir wurden zu einer Extravorstel-lung im chinesischen Theater geladen, wo der Lärm von Cymbeln, Castagnetten undsonstigen Marterwerkzeugen ganz ohrenzerrcißend war und ohne Unterlaß und Unterschiedalle Reden und Pantomimen begleitete. Der Dialog wurde nicht gesprochen, sondern inder Fistel gekreischt, und sämmtliche Darsteller, auch die der Weiberrollen, waren männ-lichen Geschlechts, ein von den wenigsten meiner Genossen bemerkter Umstand, der einigein aller Heimlichkeit angebandelte Herzensgcschichtcn in grausamer Weise abschnitt. DenVorwnrf der Aufführung bildete einer jener geschichtlichen Vorfälle aus älterer chinesischerZeit, deren Darstellung oft mehrere Monate lang währt. Von der Darstellungswciseunserer Bühne ist die der chinesischen himmelweit verschieden; Vorhang und Coulissenhaben sie nicht, und der Dialog wird durch Gesänge, durch mimische und gymnastischeEinschiebsel iu mannigfacher Art unterbrochen. Uebrigens war die Pracht der mit farbigerSeide und goldgestickten Costüme selbst bei dieser armen Truppe fabelhaft. Im Ganzenfühle ich mich durchaus mit der americanischen Gesetzgebung darin einverstanden, daßman dieser chinesischen Einwanderung nach Kräften wehren soll. Wo es einen Kampf