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in diesem Punkte. Es ist mir etwas Ungewöhnliches, die Nacht schlaflos zuzubringen",begann er nach einer Pause, während welcher beide sich in einem wahren Tumult vonGefühlen befanden, „aber ich habe kaum ein Auge geschlossen, und wie ich so da lagund nachgrübelte, ist mir, wie ich glaube, ein Licht aufgegangen. Mir kam nämlich dieIdee, — Du mußt aber nicht glauben, als ob sie etwas Derartiges gesagt habe —daß, wenn Du dieselbe Frage gestellt hättest, die Antwort verschieden gelautet habenwürde."
„Ich, Du träumst wohl, Freund!" rief St. Lawrence erstaunt aus, während sicheine stammende Nöthe über sein Antlitz verbreitete und das heftige Pochen des .Herzensihm fast Schmerzen verursachte.
Als Douglas am vorhergehenden Abende Bcrtha Dalton verließ, ahnte er, wiesie auch befürchtet hatte, ihr Geheimniß und der hochherzige Entschluß, diese Beiden,welche er so innig verehrte, zusammen zu führen, erwachte in ihm. Allerdings bereiteteihm das Scheitern seiner schönsten Hoffnungen tiefen Kummer und ebenso kostete es ihngroße Anstrengung, die bitteren Qualen der Eifersucht zn überwinden, aber sein edleresGefühl trug den Sieg davon. Hatte er nicht Bertha versprochen, daß er ihr, da sieihn nicht als Gatte wünschte, ein treuer Bruder sein wolle? Und wenn St. Lawrenceund Bertha sich gegenseitig liebten, so stand es ja doch nicht in seiner Macht, sie zutrennen, selbst wenn er den Willen hierzu gehabt hätte. Deshalb zog er es vor, lieberhelfend als hindernd aufzutreten und sich so eine bleibende Stelle in ihrem Herzen zusicheren. Nachdem er sich mit diesen aufregenden Gedanken die ganze Nacht hindurchabgequält hatte, eilte er, um nicht wankend in seinem Vorsätze zu werden, schon in allerFrühe zn dem Freunde hin.
„Nein, ich träumte nicht", cntgegncte er auf die Frage desselben, „und tvill Dirreinen Wein einschenken. Mir scheint, daß ich mich, wenn wir mit Bertha zusammenwaren, in einem außerordentlichen Irrthume befand, indem ich mir schmeichelte, meineGegenwart rufe ihr liebliches Erröthcn und den strahlenden Blick des Auges hervor.Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich täuschte. Nun vielleicht hast Du Recht und ichtauge nicht zu einem Ehemann, aber wenn Bertha mich gewollt hätte, so würde ich,der Himmel ist mein Zeuge, versucht haben, sie glücklich zu machen.
Schluchzend legte er den Kopf auf seine verschlungenen Arme nieder.
„Niemand ist fester davon überzeugt, als ich, mein lieber Junge, und ich kannmir gut vorstellen, was es Dich gekostet haben muß, in dieser Weise mit mir zn sprechen.Laß uns nicht weiter darüber reden, es sei denn, daß es Dir Erleichterung verschafft.Ich war in einer verzweifelt trügen Stimmung heute und wollte deshalb einen Spazier-ritt machen. Komm, begleite mich; gehe nicht nach Hanse, Deinen trüben Gedankennachhängen." „Es wird sich nicht der Mühe lohnend erwiderte Douglas den Kopferhebend.
„Nein, so mußt Du nicht sprechen. Komin mit, mir zu Liebe, wenn Du es nichtDeiner selbst wegen thun willst."
„Wohlan denn", entgegnete Douglas , sich langsam erhebend, „ich kann Dich auchbegleiten, mir ist Alles einerlei. Zürn Kuckuck mit der ganzen Geschichte; sie hat mireinen gehörigen Stoß versetzt, so bald werde ich ihn nicht verschmerzen."
St. Lawrence legte die Hand auf die Schulter des Freundes und sagte: „Dahast Du Recht; wenn ich mich in Deine Lage denke, ich glaube ich würde es nie über-winden; aber Du besitzest mehr Elasticität in Deinem Charakter, Douglas , für Dichhabe ich die Hoffnung nicht aufgegeben."
„Was wohl so viel heißen soll, als, ich sei ein mehr oberflächlicher Sterblicher",entgegnete Douglas mit dem Ausluge eines Lächelns. „Leider muß ich annehmen, daßauch sie so denkt."
(Fortsetzung folgt.)
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