Ausgabe 
(31.10.1883) 87
 
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Ein Besuch bei nordanrerikattischen Jesuiten .

Der liberalen MünchenerAllg. Ztg." wird in einem Reiscbricfe über die Eröff-nung der Northern Pacific-Eisenbahn aus der St. Jgnatins-Mission (Montana) 20.September u. a. geschrieben:

Ein herrlicher Hcrbstmorgen brach an über Feld und Wiesen, als die ProfessorenZittel nnd Bryce, Dr. v. Schmiß, Herr von Bunscn, Senator Grocning, Gesandter vonEisendecher, Geheimer Rath Hofmann, Sir James Hanncn, Karl Schurz und LieutenantPertz auf einem großeil vierspännigen Wagen Platz nahmen, um nach dem 810 engl.Meilen entfernten Berg Mac Donald zu fahren, den sie zuerst zu Pferde, dann zu Fußzu erklimmen beabsichtigten. Wir gaben ihnen zu Pferde das Geleite, bis die eigent-liche Kletter- nnd Rutschpartie anfing, winkten dann unseren Freunden ein fröhlichesLebewohl zu nnd ritten nun, eine kleine Gesellschaft, nach der iin Mittelpunkte der Reser-vation gelegenen St. Lgnatius-Missiou, wo uns die frommen Jesnitenväter freundlichempfingen und gastlich aufnahmen.

Im Vater-Superior, van Gorp, einem Belgier von Geburt, der schon seit 17 Jahrenauf dieser im Jahre 1856 gegründeten Mission thätig wirkt, fanden wir einen Welt-mann im vollsteil Sinne des Wortes, der es versteht, den Umständen Rechnung zutragen. Er führte uns sofort in das MissionSkirchlein, und als er sah, daß wir beimEinkitte uns nicht mit Weihwasser besprengten, auch vor dem Altar, über dem ein großesBild des heiligen Jgnatius hing, uns nicht bekreuzten, sondern nur durch eine Ver-beugung unsere Ehrfurcht bezeigten, wußte er, was er mit scharfem Auge schon vorhererkannt hatte, daß wir Protestanten seien, und vermied mit richtigem Tacte jedes Thema,welches Veranlassung zu unliebsamen Discusionen hätte bieten können. Ein Besuch derKnabenschule, in der 50 junge Indianer in der englischen und Flathead-Sprachc, imLesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet wurden, war für uns vom allergrößten Interesse,und lieferte den Beweis, daß hier nicht von einer mechanischen Ablichtung die Rede war,man sich vielmehr aufrichtig bemühte, das Samenkorn des Wissens in fruchtbaren Bodenzu streuen. Sämmtliche Knaben lasen gut, wenn auch mit etwas fremdartig singendem,ich möchte sagen, italienischem Accent und entwickelten besonders im Rechnen eine stauuens-werthe Fertigkeit, wobei sich allerdings die Mischlinge vor allen anderen auszeichneten.

Demnächst begaben wir uns zum Essen, bei dem die beiden andern Priester, zweiBrüder Bandini, erschienen, die nnr ein furchtbares Englisch radebrechtcn, während derVater-Superior vorzüglich deutsch, englisch und französisch sprach. Nach einem kurzenGebete, bei dein die frommen Bäter sich bekreuzigten, wir nur die Hände falteten, wurdedas Essen aufgetragen: eine Reissuppe, so dick, daß der Löffel darin stecken blieb, vor-zügliches Roastbeef mit verschiedenen Gemüsen, Dessert und Thee. Die Küche und Haus-haltung wird von vier Laienbrüdern besorgt, von denen zwei Deutsche sind und einer,Bruder Joseph aus Paderborn in Westfalen , schon 42 Jahre unter denFlachköpfcn"wohnt. Während er uns nach dem Essen im Garten nmherführte, dessen Sorge ihmspeciell übertragen ist, und uns mit großem Stolze die festen Kohlköpfe, den herrlichstenBlumenkohl und hoch aufgeschossenen Mais zeigte, erzählte er uns von seinen Freunden,den Indianern. Vor langen, langen Jahren hätten sie die Gewohnheit gehabt, ihrenKindern die Köpfe oben stach einzudrücken, seien aber von diesem barbarischen Gebrauchelängst zurückgekommen, so daß sie ihren Namen jetzt nur mit Unrecht führten. Sie seiensanft, freundlich und harmlos und dachten nie daran, Streit mit den Weißen anzufangen.Jeder Knabe lerne jetzt auf der Mission ein Handwerk, sei es als Zimmermann, Schmiedoder Müller, daneben unterrichte man alle im Gebrauche des Pfluges und bestrebe sich,sie vom Herumwandcrn zu heilen nnd zu Ackerbauern zu machen. Letzteres sei besondersschwierig, da der Boden künstlicher Bewässerung bedürfe, aber das von den Jesniten-vätern gesetzte Beispiel finde doch immer mehr Nachahmung, und mit der Zeit werde dasganze Indianer-Gebiet eines der schönsten in der Union sein.