Ausgabe 
(28.11.1883) 95
 
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so postiri er sich hinter einem Felsen, um von hier Ausschau zu halten. Hat er dannThiere erspäht, so versucht er sich ihnen auf etwa 100 Schritte zu nähern, indem ervorsichtig vorwärts geht und jedes Geräusch vermeidet. Jetzt hat er ein Thier iu Schuß-weite, das Gewehr wird angelegt, dann einen Moment gezielt, ein leises Knacken desHahnes, eine secundeulange Pause, und donnernd wiederhallt der Schuß in den Bergen.Die Gemsen jagen in wilder Flucht davon, daß die Steine und Kiesel iu die Tieferollen, das getroffene Thier springt hoch empor. Ein kräftiger Jodler erschallt, esist der Jäger, der freudig seiner Beute zueilt, sie ausweidet und dann zu Thal trägt.Zur Genisenjagd gehört also ein sicheres Auge und eine ruhige Hand, denn ein ange-schossenes Thier ist für den Jäger so viel wie verloren, da es noch Stellen zu erreichensucht, die dem Menschen unzugänglich sind, wo es dann verendet und eine Beute derAdler wird. -----

Mit sinkendem Tage verließen wir das Gcmsrevier wieder. Noch weideten scheulosin der Thalmulde zwischen dem Krottenkopf und dem Bischof die Gemsen, die wir beimHinaufsteigen zuerst zu Gesicht bekommen hatten, lind selber rannten wir der flüchtigenGemse vergleichbar den Berg hinab und nach guten zwei Stunden schon saßen wir traulichin Partenkirchen beisammen. Später einmal hatten wir in fröhlicher Gesellschaft unsereBeobachtungen iu der Welt der Gemsen mitzutheilen. Manch Abenteuer, auf der Gemsen-jagd erlebt, wurde nun am Tische erzählt, manch Jägerschwank zum Besten gegeben.Und wißt ihr auch, sprach ein alter, liebenswürdiger Herr, die Geschichte von jenemWildschützen, der am heiligen Charfreitag auf der Gemscnjagd von einem Förster über-rascht wurde. Es war droben am Karwendel. Da saß er hinter einem Felsen auf derPasse, und bekam keine Gemse, aber einen Förster z» sehen, der ihn rücklings über-raschte und aufforderte, sein Gewehr abzulegen. Gemüthlich erhob sich der Wilderer,und indem er seine Waffe auslieferte, sprach er mit mahnender Stimme zum Jäger:Aber Jaga, net amal hcunt gehst in d' Kirch'!"

Es ist eiu eigenes Volk, das Volk der Berge!

So nehmen wir denn hicmit Abschied von den Gemsen des Krottenkopf's undvoui schönen Loisachthal überhaupt. Es ist eiu prächtiges Stück Erde , das wir mitheranrückendem Winter verlassen mußten. Geb's Gott , daß wir mit den Lerchen desFrühlings wiederkehren und einige Zeit im reizenden Partenkirchen und unter seinenlieben Bewohnern zubringen dürfen! So prächtig und wahr sang ein Verehrer derschönen Landschaft im Februar 1883:

Partenkirchen! Welch Reiz liegt doch in den wenigen Silben,

Immer zog's mich zu dir, du Perle der bayrischen Alpen .

War es zur Zeit, wo der Lenz die ersten Knospen getrieben,

War es, wenn tropische Gluth schmolz von den Bergen den Schnee,

Oder wenn herbstlich gefärbt das Laub sich an Ahorn und Buchen,

Oder wie jetzt, wo die Flur decket ein winterlich Kleid.

Ewig bleibst du schön!

Am 21. Oktober 1883.

Der rechte Glaube.

Wollt ihr Gutes, habt ihr auch den Frieden!Glanbenszwiste wären längst entschieden,

Faßt man nur stets das Ziel in's Auge:Gottes Reich zu gründen schon hienicden.

Was uuS trennt, ist sicher nicht das Wahre,Doch man kramt mit Silben, spaltet Haare,Setzet Mücken und verschluckt Kamcelc,

Macht Gerades schief und trübt das Klare.

Willst du prüfen, wo der rechte GlaubeSich dir nahe gleich der Friedenstaube,

Hör' den Meister! Forsche nach den Früchten;Denn von Dornen liest man nicht die Träubel

F. Beck.