Bei den Gemsen auf der« Krottenkovf.
(Schluß.)
Lange haftete unser Blick auch an dem tiefen Felsenthale, das sich unmittelbar zuunseren Füßen gegen Osten ausbreitet und an Schauerlichkeit und wildromantischemAussehen nichts zu wünschen übrig läßt. Eine öde Stille herrschte im Theile, nur zu-weilen unterbrochen durch das Krächzen der Raubvogel oder durch rollende Steinchen,die unter den Füßen der flüchtigen Gemsen in Bewegung kommen und in die Tiefestürzen. Tannen- und Laubwälder umkränzen dasselbe. Der Herbst treibt bereits seinSpiel mit den Blättern, und wie in rothem Kleide erglänzten die Zivergbuchen zwischenden dunklen, pyramidenförmigen Wettertannen, von denen ellenlange Bartflechten herab-hängen, die letzte Zuflucht der Gemse-in Wintersnoth. Dort ragt ein abgestorbener,granschimmernder Gipfel aus seiner lebensfrischcn Umgebung empor; der Sturm hat ihnabgebrochen und den Stamm zerrissen, aber die munteren Aeste haben sich als selbst-ständige Bäume um den morschen Mutterstamm aufgerichtet.
Es ist eigenthümlich schön auf dem Gipfel des Krottenkopf's. Wie eine großeKirche liegt die Welt, die schöne, weite Welt vor uns ausgebreitet. Die Berge bildendie mächtigen Pfeiler, auf denen das colossale Gewölbe des blauen Himmels ruht. DieWolken sind der Weihrauch, der dem Ewigen zu Ehren aufsteigt; Stnrmgeheul ist dasOrgelspiel, Donner und Winde geben das Glockengeläute, das Brausen der Wasserfälleund das Lispeln der Bäume, es ist ein ewiges Psalmcngcbct, das wiederhallt durchdie Thäler, so daß, wie der Psalmist sagt, ein Abgrund dem andern zuruft.
Zum Schutze gegen Frost und Winde ist auf dem Gipfel eine kleine Unter-stands Hütte errichtet, in welcher prächtige, von einem Mitglied des Alpcnvercins ge-schenkte Karten zur Orientirnng des Touristen bereit liegen. Jn's Fremdenbuch habensich seit Anfang Juli etwas über 200 Personen aus aller Herren Länder eingezeichnet.Die meisten derselben haben den prächtigen Bergkcgcl von Eschenloh aus bestiegen; dochauch von Partcnkirchen aus erfordert die Besteigung des Krottenkopf's nur einen einzigenTag, selbst wenn mau den Weg durch die im heurigen Sommer eröffnete ^aukensck'luchtund den Eckcnberg nehmen wollte.
Man wird nicht leicht den Berg besteigen, ohne auf Gemsen zu stoßen. Dennmit großer Sorgfalt werden die Thiere, welche in früherer Zeit durch die Vertilgnngs-sucht des Wildschützen und wohl auch durch die schwierige Unterscheidung zwischen männlichenund weiblichen Gemsen an Zahl sehr vermindert wurden, sowohl von den bayerischenwie herzoglich nassauischen Forstleuten gehegt und geschont. So sind sie im Laufe derletzten zehn Jahre wieder ziemlich zahlreich geworden, und während man selbst in Tirolmit Ausnahme des Zillerthalcs, wo sie Fürst Aucrsperg besonders pflegte, nur selteneinem Rudel von 12 Stück begegnet, sind im Eschenloher , Partenkirchner und Mitten-walder Gebiet selbst Heerden von 20 und mehr Thieren keine Seltenheit mehr. Beson-ders zahlreich sind die Gemsen auf herzoglich nassauischem Jagdgebiete, auf der in derNähe des Werner und der Soicnspitze gelegenen Vereinsalpe, einer vielbekannten prächtigenBerghöhe, auf welcher vor mehreren Jahren ein herzogliches Jagdschloß mit mehrerenhiuzngehörigen Gebänlichkeiten durch eine Lawine verschüttet und zerstört wurde.
Begreiflicher Weise läßt sich, nicht mehr wie früher von einem eigentlichen „Gemsen-jägcr" reden. Rudolf Bläst und Manuel Walcher, zwei Gemsenjäger, von denenersterer während seines Lebens 675, letzterer 458 Gemsen schoß, gehören der Vergangen-heit und dem Schweizergebirge an. Nur selten trifft es sich, daß der Jäger vom Auf-sichtshaus auf dem Esterbcrg zur Lcibesnnterhaltnng sich einen Gemsbock vom Krotten-kopf herunterholt. Dann bricht er bei der ersten Morgendämmerung auf, um noch vordem hellen Tage in's Gemsenrevier zu kommen. Genau bekannt mit den Weideplätzenund den Sulzen, (d. h. den Salzleckplätzen) der Thiere, sucht er ihnen je nach derWndrichtnng von oben oder von der Seite beizukommcn. Ist er denselben nahe gerückt,