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ausgeschoben werden?" frug sie sich selbst. War es Unrecht, dies fast zu wünschen?Gestern Abend halten die Gedanken an ihr eigenes Glück sie ganz in Anspruch genommen,jetzt kehrten die Sorgen und Befürchtungen, hervorgerufen durch das auffallende Be-nehmen Lena's und die dunklen Andeutungen ihres Bräutigams, in verstärktem Maßezurück.
Sobald die Dämmerung begann, stand sie sachte auf, kleidete sich, ohne dieSchwester zu wecken, an und setzte sich an's Fenster. Es schien trübes, unfreundlichesWetter zu sein, dichter Nebel bedeckte den Garten und verhüllte die umliegenden Gebäude.Sie wollte ihrer Mutter nichts von Lena's Zustand sagen, bis sie sich überzeugt, welcheWirkung der Schlaf auf diese ausgeübt habe. Jetzt hörte sie Sara den Frühstückstischzurecht machen und kurze Zeit nachher vernahm sie auch schon die Schritte ihrer Mutterunten im Hause.
Da öffnete Lena die Augen. Sich auf den Ellenbogen stützend, blickte sie befremdet,sich in Bertha's Zimmer zu befinden, umher. Dann erinnerte sie sich plötzlich und sagte:„Bist Du hier, Bertha; ich hatte einen bösen Traum in vergangener Nacht. Habe ichnicht schrecklichen Unsinn gesprochen?"
„Wie fühlst Du Dich heute Morgen?" frug Bertha, zu ihr hintretcnd. „Geht'sDir besser? Du willst wohl hier oben frühstücken?"
Lena griff diese Idee bereitwilligst auf.
„Ja, sei so gut und bringe mir den Kaffee herauf. Ich bin aber wieder ganzwohl. Bitte, denke nicht mehr an das, was ich Dir sagte und sprich auch nicht mitMama darüber. Entschuldige mich bei ihr, daß ich nicht herunterkomme, ich habe Kopf-schmerzen und möchte deshalb noch etwas ruhen."
„Wenn Du wirklich besser bist, so ist ja kein Grund vorhanden, Mama zu ängstigen.O Lena, wie hast Du mich erschreckt!"
„Stille, wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Sehe ich sehr krank aus?"
Die dunkeln Linien unter den Augen, sowie ihre außergewöhnliche Bläffe, ver-riethen deutlich die stattgehabte Aufregung.
„Du stehst allerdings nicht sehr blühend aus. Ich will Dir Dein Frühstück holen,Bleibe nur ruhig zu Bette, Niemand soll Dich stören."
(Fortsetzung folgt.)
Goldkörner.
Wahrheit, o suche sie! Bewahre sieAuch dir! Die Lüge trübt der Seele Glanz,
Wie schon ein leiser Hauch den Spiegel trübt.
Der Schein, und wär' er auch des Guten selbst,
Raubt mehr dir, als er gibt, verdunkelt dich;
Indem du blendest, wird dein Auge blind.
Ungeduld ist nicht Stärke, Geduld nicht Schwäche; vergiß nie:Größeres als die Gewalt hat die Geduld oft erreicht.
Kennst du die Acolsharfe? Sie tönt beim leisesten Windhauch;
So auch, leise berührt, braust die Empfindlichkeit auf.
Suche den Frieden in dir, kein Sturm dann wird dich berühren,Und du stehst wie ein Fels mitten im brandenden Meer.
Leihe Gehalt und Werth der kurzen Spanne des Lebens;
Jeder verlor'ne Moment klagt der Verschwendung dich an.
Senke dein Wollen stets in die Quelle des Guten, du machst dannAll' dein Thun zum Gebet, und dein Gebet wird zur That.
F. Beck.