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„Lena, bist Du wahnsinnig?" rief Bertha, mit Entsetzen die aufgeregte Schwesteranstarrend, aus. „Was kann St. Lawrence und seine Liebe zu Dir sein? Nur nochwenige Stunden und Du bist das Weib eines Andern."
Lena preßte ihre Hände gegen die Schläfe und fiel neben dem Bette auf dieKniee nieder.
„Ja, das Weib eines Andern! Ich habe meine Wahl getroffen, nicht wahr? Uitdich würde immer wieder von Neuem so handeln und doch liebte ich ihn die ganze Zeithindurch. Bertha, Du darfst St. Lawrence nicht heirathen", fuhr sie stürmisch fort,„Du sollst ihn nicht heirathen. Er ist ein entehrter Mann, der sich eines angenommenenNamens bedient. Unsere Mutter wird nie ihre Einwilligung dazu geben."
„Du redest über Dinge, welche Du nicht verstehst", erwiderte Bertha mit mühsamerkämpfter Ruhe. „Niemand wird das Wort Unehre auf Eustace St. Lawrence in An-wendung bringen können. Ich weiß, daß der Name, den er fuhrt, nicht sein eigner ist,aber selbst, wenn auch das Geheimniß, welches über ihm schwebt, nie aufgeklärt werdenkann, so zweifle ich nicht an ihm und sollte er mich morgen auffordern, seine Frau zuwerden, ich würde ihm mit dem unbedingtesten Vertrauen bis an die Grenzen der Erdefolgen; aber wir denken noch nicht daran, zu heirathen", unterbrach sie sich, gewaltsamden Erguß ihres Gefühles unterdrückend. „Es ist unnöthig, Mama schon jetzt damitzu bermruhtgen."
„Und ich sage Dir, Du sollst ihn nicht heirathen!" rief Lena mit immer heftigeremUngestüm auf. „Weshalb solltest Du glücklich kmd ich so uamenlos unglücklich werden."
„Lena, meine liebe Lena, Du weißt nicht, was Du sprichst", beschwichtigte Bertha,welche durch das Benehmen ihrer Schwester in immer größere Furcht gerieth. „Warumsolltest Du unglücklich werden? Dn liebst Mr. Fauconrt nicht, sage es ihm, löse nochjetzt in der eilften Stunde diese verhaßte Verbindung auf. Was liegt daran, was dieWelt davon denken mag! Wir verreisen dann für einige Zeit — alles wollen wir thun,was Du nur wünschest, o Lena! höre auf mich, Deines eigenen Glückes, des FriedensDeiner Seele wegen!" Während Bertha dieses sagte, nahm sie die kalten Hände derSchwester in die ihrigen, aber Lena schleuderte sie von sich.
„Was willst Du für mich thun? Willst Du St. Lawrence für mich aufgeben?"
„Nein", entgegnete Bertha fest, „das darfst Du nicht einmal verlangen. Ich habeihm Treue gelobt und wenn ich mein Versprechen nicht hielte, wäre ich treulos gegenihn und mich."
„Gut denn, auch ich werde mein Wort nicht zurücknehmen." Lena's Züge ver-riethen hartnäckigen Stolz und tiefe Verachtung, indem sie sich von den Knieen erhob.„Glaube nicht, daß ich Dich beneide. Wenn St. Lawrence mich geliebt hätte, wie baldschon würde ich seiner überdrüssig geworden sein — ein armer Landschaftsmaler ohneNamen! Das Leben, welches ich mir erwählt, sagt mir mehr zu; es ist besser so, wiees ist. Ich glaube, ich war nicht recht bei Sinnen. Vergiß meine Reden und schlafe."Sie nahm die Lampe, stellte sie sofort wieder hin und faßte mit der Hand an dieStirne. „Mir schwindelt, ich kann nicht allein sein, laß mich hier in Deinem Zimmerbleiben."
Bertha machte ihr ein Lager zurecht; sie hielt Lena für ernstlich krank und meinte,sie habe im Fieber gesprochen; deshalb machte sie sich Vorwürfe, ihr so heftig geant-wortet zu haben. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachtete sie, wie ihre Schwestersich unruhig hin und her wandte und erst gegen Morgen einschlief.
Für Bertha war aller Schlaf dahin, denn obschon sie annahm, daß Manches vondem, was Lena gesagt, nur eine Fieberphantasie der überreizten Nerven gewesen, sozeugte es doch von dem inneren Seeleukampfe ihrer Schwester, und der Tag, an welchemderen Schicksal für immer besiegelt werden sollte, war jetzt schon so nahe gerückt. —„Würde es nicht besser sein, Lena wäre wirklich leidend, und die Hochzeit müßte hin-