Ausgabe 
(28.11.1883) 95
 
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von Anderen so geehrt zu sehen, wie es ihm gebühre nnd wie sie es immer thun werde!

Mit diesen Gedanken schlief sie, seinen Brief in der Hand haltend, ein.

Aber im Nebenzimmer lag Eine, welche keine Ruhe finden konnte. Oefters wäh-rend des verflossenen Tqges war Lena im Begriff gewesen, ihre Schwester zu fragen,was sich zwischen ihr nnd St. Lawrence zugetragen habe und immer hatte sich keinepassende Gelegenheit dazu geboten. Bertha mußte ihrer Mutter während des ganzenTages hülfrciche Hand leisten und Unruhe und Verwirrung herrschten zu Joy Cottage.Leute kamen und gingen, Befehle wurden gegeben und erhalten, die Zimmer befandensich durch die Vorbereitungen zur Hochzeit in der größten Unordnung. Die verschieden-artigsten Commissionen mußten geschrieben, tausenderlei Kleinigkeiten besorgt werden. Siewar den Tag über sehr mißstimmt und verdrießlich gewesen und Faucourt hatte seinenvollen Antheil ihrer schlechten Laune erhalten. Noch nie war er ihr so widerwärtig er-schienen und sie gab sich kaum die Mühe, ihren Abscheu zu verbergen. Ihn kümmerteLas nicht, zudem blieb er nicht lange dort, da er noch verschiedene Anordnungen treffenmußte.

Lena brütete, nachdem Ke sich zu Bette begeben, so lange über ihr wirkliches undeingebildetes Unglück nach, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Rasch erhob siesich, zog ihr Morgenkleid an, nahm die Lampe und schlich leise in Bertha's Zimmer.

Das Licht mit der Hand verhüllend, blieb sie stehen und betrachtete die Schlafende.Bertha's Wangen waren zart gerörhet und ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen.

Gewohnt, ihre Schwester als ein ihr untergeordnetes Wesen anzusehen, war esLena nie eingefallen, daß diese ihre Rivalin werden könne. Doch als sie jetzt das ver-klärte Gesicht des schlafenden Mädchens näher beschaute, fiel es ihr plötzlich wie Schuppenvon den Augen; sie mußte sich gestehen, Bertha besitze wohl die Macht, das Herz einesMannes zu gewinnen und ihn für immer an sich zu fesseln. Leise zog sie den Briefzwischen den halbgeöffneten Fingern weg nnd las ihn las, wie gänzlich sie sich ge-täuscht, wie vergeblich die Liebe gewesen, welcher sie sündhafter Weise nachgegeben,las auch die Verurtheilung ihres falschen, ehrzeizigen Handelns. Von Gewissensbissen,nnd den widersprechendsten Leidenschaften gefoltert, stand sie da, nicht wissend, ob siegehen oder bleiben solle, bis Bertha durch den Schein des Lichtes, oder eine Bewegungder Schwester geweckt, die Augen öffnete und entsetzt in die Höhe fnhr.

Was ist Dir, Lena? Bist Du krank?"

Krank?" erwiderte diese mit bitterem Lachen.Nein, wie könnte ich trank seinda übermorgen der glücklichste Tag meines Lebens ist. Aber ich tonnte nicht schlafennnd kam hierher, um Dich einiges zu fragen."

Was wünschest Du zu wissen?" frug Bertha, durch die eigenthümliche Art ihrerSchwester noch mehr beunruhigt.

Erst jetzt bemerkte sie den Brief in Lena's Hand. Hastig griff sie darnach.

Tu hättest ihu nicht lesen dürfen. Er ist nicht in der Absicht geschrieben, daßDu ihn lesen solltest."

Weshalb nicht?" entgegnete Lena in demselben bitteren Tone.Er laut« soäußerst schmeichelhaft für mich und man liebt ja Schmeicheleien, wie Du, weißt. AlsoDich hat St. Lawrence diese ganze Zeit über geliebt »nd Dn wußtest es?" fuhrsie heftig fon; aller Hohn hatte sich in Zorn verwandelt.

Nein, erst gestern Abend erfuhr ich", sagte Bertha crröthcnd.Schon frühergab es eine Zeit, wo ich diese Hoffnung hegte, doch als er später nicht mehr zu unskam, glaubte ich mich getäuscht zu haben."

Und um Douglas willen blieb er fort, auch dieser liebte Dich?" O Bertha,weshalb konntest Du ihn nicht wieder liebe», warm» wolltest Dir ihn nicht heirathen?"stieß sie in wilder Erregung hervor.Mußtest Du auch noch St. Lawrence für Dichgewinnen! Vielleicht hätte er mir doch noch dereinst seine Liebe zugewandt."