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Lippen sank sie ohnmächtig in die Kissen zurück. Glücklicher Weise trat in diesem Augen-blicke Perkin's mit dem Arzte in's Zimmer.
„Gott sei uns gnädig!" platzte ersterer, die Veränderung an seinem Freunde Johngewahrend, heraus. Dieser nahm jedoch keine Notiz von ihm, sondern wandte sich anden Arzt mit den Worten: „Darf ich Sie, ehe ich diese Dame Ihren Händen anver-traue, um eine kurze Unterredung bitten, Sir?"
Hierauf öffnete Riggs das Fenster, ließ einen schrillen Pfiff ertönen und einPolizist erschien am Garteuthor: Er winkte ihn heran, sprach leise einige Worte zu demManne und bat dann den Arzt, welcher mittlerweile Mrs. Lemont theilweise wiederzum Leben erweckt hatte, ihm in's Eßzimmer an der anderen Seite des Hauses zu folgen.
„Ich empfehle diese unglückliche Frau Ihrer ganz besonderen Sorge. Sie habenWohl die Güte, mich davon zu benachrichtigen, ob sie sich erholt und wann sie ohneGefahr transportirt werden kann."
„Nun, Eliza, Kind", redete er das erschreckte Mädchen an, welches in der Flurstand, „halten Sie mir den Kopf oben und Pflegen Sie Ihre Herrin gut. Sie sollensehen, mein Freund hier", fügte er auf den Polizisten deutend, hinzu, „macht Ihnen keinegroße Mühe. Eh', Perkin's, ich hoffe, Sie nehmen nicht zu viel von jenem feinenFranzbranntwein. Bitten Sie den Doctor auf alle Fälle um ein Gegenmittel."
Perkin's lehnte blaß und mit herabhängender Unterlippe an der Mauer. Er ver-suchte keine Erwiderung; alle diese Ereignisse auf einmal konnte sein verwirrtes Gehirnso rasch nicht fassen.
Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete sich Riggs und begab sich zu dem Hausedes Ortsvorstehers, wo er auch schon am selben Morgen die Anzeige gemacht hatte.
„Sie ist in Gefahr und wenn sie darauf besteht, ein Bekenntniß abzulegen, somuß ich den Beamten bitten, mich dorthin zu begleiten", sagte er, rasch weiter schreitend,vor sich hin.
Dreißigstes Capitel.
An dem Tage nach dem Ball. wurde das Frühstück ziemlich spät zu Joy Collageeingenommen. Bcrtha kam es beim Erwachen vor, als ob Alles nur ein Traum ge-wesen; sie konnte sich die Wirklichkeit kaum vorstellen, wie viel weniger klar begreifen.Nur die zärtlichen Worte ihres Bräutigams klangen noch in ihren Ohren wieder underfüllten ihr Herz mit unaussprechlicher Wonne, und die waren doch, wie sie sich selbersagte, jedenfalls kein Traum. Allmählich fielen ihr seine dunkelen Andeutungen in Bezugauf Lena, und daß die Hochzeit wahrscheinlich nicht zu Stande kommen werde, ein undverursachten ihr entsetzliche Angst. Sie wußte nicht, was sie zu fürchten habe, noch vonwelcher Seit: der Schlag erfolgen würde. Sollte sie sich darüber freuen oder betrüben?Selbst auf diese Frage konnte sie sich keine genügende Antwort geben und Niemandendnrfte sie ihren Zweifel offenbaren.
Zn ihrer größten Freude erhielt sie am Nachmittage einen Brief von St. Law-' rence und alle ihre Angst und Sorge war für den Augenblick verschwunden. Wie süßund angenehm war es, immer und immer wieder die Versicherungen seiner innigstentrcucsten Liebe, welchen er in den zärtlichsten Worten Ausdruck gab, lesen zu können.Die Seinige zn werden, Hand in Hand mit ihm dnrch's Leben zu gehen, mehr ver-langte sie nicht. Selbst wenn er genöthigt sein sollte, England zu verlassen, welcheMöglichkeit er ihr ja vorgestellt hatte, so gab es ja doch allerwärts noch Raum genugauf der Welt, um, vereint mit ihm, glücklich zu sein. Ihre Phantasie malle sich schonein hübsches mit Neben bewachsenes Häuschen an den Ufern eines italienischen Sec'saus, wo er als Künstler hinreichenden Stoff für seinen Pinsel finden werde. Wie wolltesie sich bemühen, ihm die kleinlichen Sorge» des Lebens zu ersparen, damit er seineschöne Kunst ohne jegliche Störung fortsetzen könne! lind dieser Triumph, wenn er sicheinen Ruhm erworben, was ja ganz gewiß geschehen würde! Welches Glück, ihn auch