Ausgabe 
(1.12.1883) 96
 
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Nr. 96.

1883.

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Äugstzurger KojiMung."

Samstag, 1. Dezember

Der GpatrLng.

Roman aus dem Englischen von E. E.

(Fortsetzung.)

Erst gegen ein Uhr, die Zeit, wo Faucourt in der Regel seinen Besuch machte,begab sich Lena hinunter. Aber es schlug eins und er erschien nicht. Stunde aufStunde verging und er kam nicht. Weder Mrs. Dalton noch Lena fiel seine Abwesen-heit, die sie dein Uebermaß der Geschäfte zuschrieben, airf. Bertha allein fand es beun-ruhigend. Bei jedem Geräusch fuhr sie erschreckt, von bösen Ahnungen ergriffen, zu-sammen. Es war ihr kaum möglich, den Befehlen ihrer Mutter die erforderliche Auf-merksamkeit zu schenken. Gegen halb zwei Uhr trat Sara in's Zimmer, wo die Damen,von dem Brautstaat umgeben, beisammen saßen und meldete, eine junge Person sei inder Küche und wünsche Miß Lena zu sprechen.Sie ist ganz außer Fassung, will aberihren Auftrag nur au Miß Lena selbst ausrichten."

Mich wünscht sie zu sprechen? Wie sonderbar!"

Aber schon bald kehrte Lena hastig zurück und sagte:

Das ist eine seltsame Geschichte, Mama, ich verstehe sie nicht. Ihre Herrinsterbend und schicke deshalb nach mir, da sie mich in wichtiger Angelegenheit zu sprechenwünsche. Sie könne eher keine Ruhe finden, da sie die Dame sei, welche den Opalringbesitze."

Den Opalring? Mein Himmel!" rief Mrs. Dalton aus.Habe ich nicht immergesagt, er würde noch einmal zum Vorschein kommen? Die arme Frau! Vermuthlichhat sie Gewissensbisse und nun, wo sie erfahren, daß der Ring Dir von Rechtsweg«zukommt, will sie ihn Dir lvahrscheinlich übergeben. Geh' zu ihr hin, mein Schatz.Wohnt sie weit von hier?"

Ja, in der Nähe von Box-Hill in Surrey ."

Du lieber Himmel, wie unbequem! Ich kann unmöglich mit Dir gehen", fuhrsie verdrießlich fort. Den Hock^eitSkuchen sowie den Brautkranz und die weißen Hand-schuhe muß ich heute noch bestellen und gewiß kommen Sir Stephan und Lady Langley

im Lause des Tages hierher; sie sind ja schon seit gestern Abend in der Stadt."

Eigentlich weiß ich nicht recht, ob ich hingehen soll oder nicht", sagte Lena;«es ist kein großes Vergnügen, eine Sterbende auszusuchen."

Bertha, welche sich bis dahin schweigend verhalten hatte, kam es vor, als ob das,was fie den ganzen Tag über erwartet, hierdurch in Erfüllung gehe.

Oh, ich bitte Dich, gehe hin, wer weiß, wieviel davon abhängt! Mama,

dürfte ich Lena nicht begleiten? Ich kenne den Weg hinlänglich, da ich ja früher in

bvrtiger Gegend Unterricht ertheilte. Wir wollen zusammen hinfahren, Schwester." Inihrer Erregung war sie v'on ihrem Stuhle in die Höhe gesprungen.