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„Weshalb regst Du Dich so darüber auf? Dazu ist doch kein Grund vorhanden",eutgegnetc Lena, noch immer unentschlossen. Doch der Wunsch, in den Besitz des echtenRinges zu gelangen, trug den Sieg davon.
„Nun, wenn Bertha mit Dir geht, so habe ich nichts dagegen einzuwenden: eswäre freilich jammerschade, wenn Du den Ring nicht erhieltest. Ich hoffe nur, Dunimmst ihn besser in Acht, als Bertha dies that. Was soll ich aber dein armen Mr.Fancourt sagen, wenn er hierher kommt."
„Der arme Mr. Faucourt wird sich trösten müssen", erwiederte Lena mit ver-ächtlicher Miene. „Ja, ich will hingehen, komm Bertha!"
„Auf der Stelle werde ich Dir folgen; ich bin doch noch gleichzeitig mit Dir fertig",antwortete diese und begab sich zur Küche, um das Mädchen, welches noch immer weinte,näher auszufragen. Außer der bestimmteil Angabe des Wohnortes erfuhr sie auch,nichts Näheres von ihr. Mau habe ihr befohlen, Miß Dalton zu ersuchen, sie zu be-gleiten, gab sie an; mehr konnte oder wollte sie nicht sagen.
Nachdem Bertha die alte Martha beauftragt hatte, dem Mädchen eine kleineStärkung vorzusetzen und Sara befohlen, eine Droschke zu holen, ging sie zu Lena hiirauf.
Als der Wagen an der Thüre hielt, waren die Schwestern reisefertig; sie stiegenmit der Fremden ein und fuhren eiligst zum Bahnhofsgebäude.
E i n u n d d r e i ß i g st e s Capitel.
Lord Alphington stand im Begriffe, nachdem er für seine Gäste Sir Stephan undLady Langley die Equipage geordnet hatte, sich in sein Bibliothekzimmer zurückzuziehen.
„Ich habe keine Lust, mich den ganzen Morgen, von meiner alten Frau, amGängelbande herumführen zu lassen", sagte Sir Stephan, „und werde bald wiederzurück sein. Den Dalton's können wir nach dem zweiten Frühstück unseren Besuchmachen. Wo steckt ihr Juwel von Enkel? Es ist doch auffallend, daß er gar nicht zumVorschein kommt."
„Ja, sehr auffallend; ich erwarte ihn schon gestern Abend. Wahrscheinlich hat ersich direct nach Joy Cottage begeben."
Sir Stephan schritt, seine Gattin erwartend und ein Seemannsliedchen vor sichhiu summend, im Frühstückszimmer aus und ab.
Lord Alphington schloß die Thüre. Fast beneidete er den alten Herrn seinesguten Humors wegen.
„Er hat aber auch nicht alles verloren gleich mir", rief der Earl schmcrzerfülltaus, als seine Augen auf dem Portrait des Sohnes haften blieben.
Der Aufenthalt in der Stadt sagte ihm nur wenig zu. Um politische AngelegenHeiken kümmerte er sich nicht mehr und die Klatschgeschichten der Clubs hatten für ihnkein Interesse. Die ländliche Ruhe stand mehr im Einklang mit seinem traurigen, durchUnglücksfälle unterjochten Geiste und der arme alte Mann fand seinen einzigen Trostdarin, das Wohl seiner Untergebenen zu fördern und den Armen nach Kräften bei-zustehcn.
Seiner gewohnten Ordnung gemäß, setzte er sich an den Schreibtisch, um seineCorrespondenzcn zu erledigen. Hiermit fertig nahm er die „Times" zur Hand. ESwar kalt draußen. Grauer Nebel lag auf der Stadt: er schauderte zusammen und rückteNäher an's Feuer. Nachdem er die Zeitung dnrchgelesen, blickte er auf die Uhr, daer Sir Stephan zurückerwartete. Anstatt seiner trat der Kellermeister ein und meldete,Mr. Thomson bitte seine Lordschaft um eine geheime Unterredung. Ueberrascht befahlLord Alphington den Rcchtsanwalt sofort zu ihm zu führen.
Dieser stürzte in solch verwirrtem Zustande in's Zimmer, als ob er eben einenderben Schlag erhalten habe.