„Ja, es ist fürchterlich. Aber meine liebe Lena, Du mußt doch dankbar sein, daßdiese Entdeckung noch vor dem morgigen Tage gemacht wurde."
„Morgen!" wiederholte Lena erbebend, „ja morgen glaubte ich mein Verlangennach Reichthum und Vornehmheit stillen zu können; anstatt dessen bin ich nun die Ziel-scheibe des Spottes, man wird mit Fingern auf mich zeigen. O Bertha, ich kann eSnicht ertragen! Ich kann nicht nach Hause zurückkehren! Ich kann Niemanden mehr in'sGesicht schauen!"
„Theure Lena, fasse Muth. Was liegt an den Bemerkungen einiger thörichtenMenschen? Alle Diejenigen, welche es gut mit Dir meinen, werden sich über Deine Er-rettung von diesem Böscwichte freuen. Wenn Du Mr. Faucourt geliebt hättest, sowürden wir Dein zerstörtes Lebensglück zu beklagen haben, aber Du liebtest ihn ja nie— dem Himmel sei Dank dafür jetzt!"
. „lind Du glaubst, ich habe diese Strafe verdient", rief Lena, den stützenden Arm 'ihrer Schwester von sich werfend und aufspringend.
„Das habe ich nicht gesagt", entgegnete Bertha besänftigend.
„Hättest Du es gethan, so würdest Du nur die Wahrheit geredet haben", bekannteLena, ihr Haar, welches in Unordnung war, zurückstreichend.
„Nannte mich nicht jenes Geschöpf da oben eine noch erbärmlichere Person, alssie es sei? Bin ich denn die Einzige, welche Reichthum und Rang der Wahrheit vorzog,daß ich jetzt an den Schandpfahl gestellt und mit Steinen geworfen werden soll — ich,der von Jugend auf beigebracht wurde, nur Bewunderung und Verehrung zu erwartenEine schöne Lehre — findest Du nicht auch? — Und wie herrlich ist sie in Erfüllunggegangen!"
Wieder brach sie in Thränen aus, umklammerte ihren Hals und blickte wild umher,als ob sie ein Mittel suche, dieser schrecklichen Lage zu entrinnen. Bertha's Herz blutetefür die Schwester, doch nahm sie sich mit Gewalt zusammen und sagte mit fester Stimme:
„Gib Dir Mühe, Dich zu beruhigen, wir müssen nach Hause zurückkehren; je eherje lieber. Unser verlängertes Hierbleiben kaun zu nichts führen."
„Zu nichts!" schluchzte Lena. „Zu nichts, ob wir bleiben oder gehen! Zu nichtsmehr für mich auf der ganzen weiten Welt."
„Stille", flüsterte Bertha, „ich höre Schritte."
Es war die Krankenpflegerin; sie öffnete leise die Thüre und Bertha ging zuihr hin.
Eliza ist oben und so wollte ich Ihnen eben mittheilen, daß Mrs. Lemont wiederzu sich gekommen ist."
„Besten Dank, ich würde, ehe ich das Haus verlassen hätte, mich vorher nachihrem Befinden erkundigt haben. Hofft der Arzt, sie völlig wieder herstellen zu können?"
„Er glaubt es, doch dürfe sie sich nicht aufregen. Es ist aber keine Kleinigkeit,eine Kranke, die so viel auf dem Herzen hat, ruhig zu halten. Sie tobte so schrecklichund wünschte, durchaus Miß Dalton zu sprechen, daß wir ihr nachgeben und zu Ihnenhinschicken mußten. „Die arme, liebe junge Dame scheint sehr angegriffen zu sein", fuhrsie zu Lena hinübcrblickend fort. „Wünschen Sie ein Brausepulver oder sonst etwas?"
Nein, danke sehr. Die Unterredung hat meine Schwester aufgeregt, aber wir kehrenjetzt gleich nach Hause zurück."
„Ja, laßt uns gehen", sagte Lena, sich Mühe gebend, durch kein äußeres Zeichenden inneren Sturm zu verrathen. „Komm, Bertha!"
Mit Freuden benutzte diese die Gelegenheit, Lena von dort wegzubringen. Siewünschte der Wärterin guten Abend, und athmete freier, als sich das Thor hinter ihnengeschlossen. Es war ein trauriger Weg bis zum Bahnhöfe hin. Der Nebel hatte sichverdichtet und die Dunkelheit begann. Bertha wagte nicht, ihre Schwester anzureden,aus Furcht, deren erzwungene Ruhe von Neuem zu erschüttern und Lena schritt mit zu-