„Was wollte Sie bannt sagen: ihn, den Sie als Mr. Fancourt kennen", frugBertha, an allen Gliedern zitternd.
Mrs. Lemont rang nach Luft.
„O Himmel gib mir Kraft — nur noch etwas Kraft, um Alles sagen zu können!Geben Sie nur einen Löffel Arznei", bat sie, auf die Flasche zeigend, welche auf demTische stand. Bertha schüttete einen Löffel voll in ein Glas und hielt es ihr hin, dannbefeuchtete sie das Taschentuch mit Ean de Cologne und kühlte die Schläfe der unglück-lichen Frau. Diese blickte sie dankbar an und sagte mit Thränen in den Augen:
„Sie sind gut und liebenswürdig, aber ich bin eine gottlose Person und nichtWerth, von Ihnen berührt zu werden."
„Davon weiß ich nichts", entgcgncte Bertha freundlich. „Sollten Sie gottlosgewesen sein, so bedaure ich Sie um so mehr."
Mrs. Lemont seufzte tief. Vielleicht stieg mit diesem Seufzer der Rette ein FleheUum Barmherzigkeit gegen Himmel empor. Sie blickte Lena an und frug:
„Liebte sie ihn sehr?"
Bertha zögerte diese Frage zu beantworten, aber Lena, welche sie vernommen,fuhr mit sprühenden Blicken und vor Aufregung zitternd, in die Höhe. All' die Ab-neigung und der Widerwille, welchen der Mann, den sie zu hcirathen versprochen, ihreinflößte, brach sich gewaltsam Bahn in den Worten:
„Ich ihn lieben? Nie — nie liebte ich ihn, ich hasse ihn, den Bösewicht — diesesScheusal!"
Mrs. Lemont blickte sie an und ein Ausdruck der Verachtung oder vielmehr be-friedigter Rache entstellte ihr bleiches Gesicht.
„Dann sind Sie eine noch erbärmlichere Person als ich. Sie würden Sedleygeheirathet haben, weil Sie ihn für den Erben eines Grafentitcls hielten. Als ich michmit ihm vermählte, liebte ich ihn und blieb seitdem trotz Armuth und Laster an seinerSeite. O Himmel, was habe ich nicht Alles erduldet! Und jetzt muß ich sterben —sterben durch seine Hand!"
Krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Stimme, wild griff sie in der Luft umherund fiel dann todtenblaß in die Kissen zurück.
Bertha sprang zur Schelle und Lena stürzte, während die Wärterin eintrat, zurThüre hinaus.
„Ist sie todt?" frug Bertha ängstlich.
„Nein, Miß, nur ohnmächtig. Aber es ist besser, wenn auch Sie sich entfernen,damit Mrs. Lemont, wenn sie zu sich kommt, Niemand außer mir um sich sieht."
„Kann ich Ihnen helfen?"
„Danke sehr, Miß, ich werde schon allein fertig." .
Da ihr Beistand abgelehnt wurde, verließ Bertha ebenfalls das Zimmer undsuchte ihre Schwester auf. Sie fand diese auf dem Boden liegend und den Kopf indie Kissen des Ruhebettes verborgen. Heftiges Stöhnen erschütterte ihre ganze Gestalt.Bertha ließ sich neben Lena nieder, umschlang sie mit den Armen und versuchte sie auf-zuheben. Allmälig gab diese den zärtlichen Bemühungen ihrer Schwester nach. Ihrleidenschaftliches Weinen verlor sich langsam und die Bitten und UeberredungskünstcBertha's stellten einigermaßen ihre Ruhe wieder her.
„Glaubst Du, daß es wahr ist", sagte sie, ihr feuchtes Antlitz erhebend undBertha mit flehender Gebcrde anblickend, als ob sie in ihrem Antlitze die Widerlegungder schrecklichen Mittheilung lesen müsse. „O ich sehe Dir an, Du glaubst es. DerGatte einer Anderen — ein Mörder — und seine Lippen haben die meinigen berührt!"
Schaudernd verbarg sie ihr Gesicht an der Schulter der Schwester. Diese versuchtesie zu trösten.