Ausgabe 
(12.12.1883) 99
 
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und ehe er sich um Bertha unter seinem rechtmäßigen Namen bewerben konnte, mußtenoch mancherlei geordnet werden. Aber sein verliebtes Herz drängte ihn doch wenigstens,ihre Nähe aufzusuchen und jene neidischen Mauern zu betrachten, die sie seinen Blickenverbargen. Ob sie wohl jetzt in diesem Augenblicke auch liebend seiner gedachtet Erpflückte eine Epheuranke, welche am Thorpfeilcr hing und drückte sie an seine Lippen. Vielleicht hatte beim Vorübergehen ihre Wange oder ihr Kleid sie gestreift:MeineBertha, mein süßes Kleinod!" flüsterte er halblaut vor sich hin.Du liebtest mich, Duschenktest Dich mir, als ich noch arm und unbekannt war nun kann ich Dich mitGlück und Reichthum umgeben Dein ganzes Leben soll gleich einem schönen Sommer-tage dahinfließen!"

Noch eine Weile überließ er sich den beseligenden Schwärmereien eines Verliebten,dann setzte er seinen Spaziergang fort, stundenlang, bis endlich die Ruhe des Geistesdurch Müdigkeit wieder hergestellt wurde. Als er am andern Morgen erwachte und zudem Bewußtsein gelangte, daß es kein Traum, sondern Wirklichkeit sei, drang ein Stromvon Freude in seine Seele ein; er hätte laut aufjauchzen und Jedem sein Glück mit-theilen mögen. Es wurde ihm schwer, sich ruhig zu verhalten, obgleich er fühlte, daßes nicht an ihm sei, den ersten Schritt zu thun; er mußte, so gut es ging, geduldigabwarten, welchen Lauf die Dinge jetzt nehmen würden.

Gegen drei Uhr erhielt er ein Billet von Lord Alphington, worin dieser ihn bat,zu ihm nach Magnus Square zu kommen. Nun endlich fühlte er sich in völligerSicherheit.

Der Earl empfing ihn in dem Bibliothekzimmer, wo das Portrait von EnstaceFaucourt, seinem Vater, hing.

Kaum hatte sich die Thüre hinter ihm geschlossen, so eilte der alte Herr, keinesWortes fähig, auf ihn zu, legte den Arm um den Hals seines Enkels und schluchztelaut. Auch Enstace war auf das Tiefste ergriffen und küßte zärtlich die Hand seinesGroßvaters.

Gott segne Dich, mein lieber Junge!" brachte dieser endlich mühsam hervor,dann legte er die Hand auf die Schulter des jungen Mannes und hielt ihn auf Armes-länge von sich.Ja die Aehnlichkeit ist sogar noch größer, als ich Anfangs glaubte:jedoch ist mehr Kraft, mehr Selbstvertrauen in Deinen: Gesichte. Ich hoffe zu Gott,daß Dir eine glücklichere Zukunft bevorstehen wird. Und nun setze Dich, Enstace, wirhaben viel miteinander zu sprechen."

Es folgte ein langes Zwiegespräch, welches beide gleichmäßig interessirte. AlsAntwort auf die Frage Lord Alphington's, weshalb die Beweise nicht früher eingebrachtworden seien, entgegnete Eustace, daß er keine bestimmte Auskunft geben könne, da seineMutter ihn nicht darüber aufgeklärt habe. In Folge einiger Andeutungen, welche freilichvon seinem Vetter Sedley ausgegangen seien, habe er sich gescheut, die Frage der Legi-timität in Anregung zu bringen.Wahrscheinlich verletzte es meine Mutter, wie ich jetztglaube, die keine Ahnung davon hatte, daß mein Vater seine Heirath geheim gehaltenhabe, von den Verwandten ihres Gatten nicht anerkannt zu werden. Sie hielt strengean einem einmal gefaßten Vorurtheile fest; zudem war sie durch und durch Republikanerin.Vermuthlich befürchtete sie, meine englischen Verwandten würden mich ihr entreißen undin einer von der ihrigen verschiedenen Sphäre erziehen lassen. Jedoch verwandte sie diegrößte Sorgfalt auf meine Erziehung, jedenfalls in dein Gedanken an die Zukunft.Nachdem ich meine Studien beendet, schickte sie mich mehrere Jahre auf Reisen. Ich kehrtenach Amerika zurück, als ich erfuhr, daß sie leidend sei und einige Tage später starbsie in meinen Armen. Als meine Mutter ihr Ende nahen fühlte, sprach sie zum erstenMale mit mir über die Familie meines Vaters und händigte mir die Schatulle mit denBeweisen ein; jedoch verpflichtete sie »sich, diese nicht eher zu öffnen, bis ich in Eng-land angekommen, und dann Ihnen den Inhalt sofort zu übergeben. Wie ich während