Ausgabe 
(12.12.1883) 99
 
Einzelbild herunterladen

797

einer Krankheit beraubt wurde, ist Ihnen schon bekannt. Leniont pflegte mich unver-drossen; damals hielt ich es für Humanität seinerseits und belohnte ihn nach bestemVermögen. Jetzt hat es sich allerdings herausgestellt, daß er ein anderes Motiv hatte."

Kanntest Du diesen Lemont schon früher?" frug Lord Alphington.

Nein, ich sah ihn zuerst an Bord - seinen Namen hörte ich auch dort nicht,da er auf dem Schiffe nur Pierre genannt wurde. Aber als Bertha Dalton ihn nurbeschrieb, erkannte ich den Menschen sofort wieder."

Sagtest Du nicht, Du habest erst durch Riggs erfahren, daß Dein Vetter ver-heirathet sei?"

Ja, ich wußte nichts davon. Der Julie Lemont erinnere ich mich sie warGouvernante bei einer Familie, welche in derselben Stadt wohnte wie wir. Damalshielt ich sie für ein dreistes, leichtfertiges Mädchen. Mein Taugenichts von Vetter ver-suchte es, um seine eigenen Intriguen zu verdecken, meinen Namen mit dem ihrigen inVerbindung zu bringen. Dies war die erste Veranlassung unseres Zerwürfnisses. Erstkürzlich erfuhr ich, daß er sie geheirathet habe."

Von der Vergangenheit ging das Gespräch allmählich auf die Gegenwart undZukunft über und Eustace, welcher vor seinem Großvater kein Geheimniß zu habenwünschte, setzte ihn von seiner Verlobung mit Bertha Dalton in Kenntniß.

Lächelnd sagte der alte Herr:Ja, ja, ich hatte schon so etwas errathen. Du

darfst meiner völligen Einwilligung und meines eingetheilten Beifalles versichert sein.

Sie ist ein reizendes Mädchen und mein besonderer Liebling, trotzdem ihre Schwester

so schön ist. Arme Madcline", fuhr er mitleidig fort.Jetzt wird sie schon die Ver-

eitelung ihrer Hoffnungen erfahren haben. Sir Stephan Langley ist hingefahren, umAirs. Dalton die unangenehme Nachricht zu überbringen. Es wird sie tief erschüttern."

Ha, das arme Mädchen!" St. Lawrence war im Begriffe hinzuzufügen, es seieine gerechte Strafe für sie; doch unterließ er diese Bemerkung. Wie wenig Achtunger auch für Lena haben mochte, so wollte er sie doch nicht in den Augen Lord Alp-hington's heruntersetzen.

Es wurde Abend, ehe dieser seinen«, neu entdeckten Enkel erlaubte, ihn zu verlassen,und dann auch nur aus dem Grunde, weil er sich denken konnte, mit welcher Sehnsuchtder junge Mann darnach verlangte, seine Verlobte wiederzusehen.Ich will Dich nichtlänger von Bertha zurüaHalten, denn obschon alt und grau, habe ich doch noch nichtganz vergessen, wie es der Jugend zu Muthe ist. Aber morgen zum Frühstücke er-warte ich Dich hier und dann können wir unsere Pläne für die Zukunft entwerfen."

So schieden Großvater und Enkel, gegenseitig entzückt von einander. Lord Alp-hington kam es vor, als ob ihm sein längst verstorbener Sohn wiedergcschenkt sei undSt. Lawrence pries sich glücklich, in Demjenigen, welcher von nun an Vaterstelle beiihm vertrat, Jemanden gefunden zu haben, der seiner Achtung und Liebe so vollkommenwürdig war.

(Fortsetzung folgt.)

Goldkörner.

Neid ist häßlich, abschcu werth.Neid am eig'ncn Glücke zehrt;Während er nach fremdem schielt,

Das er nimmermehr erzielt,

Wird das seine schwinden.

Liebcleer ist Neid und arm,

Schafft sich selber Qual und Harm,Neid verbittert jede Lust;

Lass' ihn nie in deiner BrustEine Stelle finden!

I. B iUk.