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Ueber die so genannte Agrippine.
Ich will itzt nicht untersuchen, ob IVinkelmann nicht eineganz andere Agrippine in Gedanken gehabt, als von der ihnHerr Casanova verstehet. Sondern was ich eigentlich hier an-merken will, betrifft beyde; NAnkelmannen sowohl, als denHerrn Casanova.
IVinkelmarm sagte, es sey eine Agrippine; denn ihr Ropfhabe viel Achnlichkcit mit dem Ropfe einer stehenden Agrippinein dem Vorsaale der Bibliothek zu St. Markus in Bcncdiq.
Herr Casanova sagt, es sey keine Agrippine; denn ihrRopf gleiche keinem andern Ropfe der Agrippine.
Mnr'elmann sagte, ihr schönes Gesicht zeuge von Sor-gen und Kummer.
-Herr Casanova sagt, sie sitze mehr in einer nachdenkendentiefsinnigen, als traurigen Stellung; und ihr Gesicht sey dasschönste Ideal.
Aber was reden sie denn beyde uns so viel von dem Kopfeund von dem Gesichte vor? Wußte denn Nlinr'elmann nicht,und weiß es Herr Casanova selbst nicht, daß aus diesem Kopfenichts zu schließen ist?
Dieser Ropf ist neu; dieser Ropf gehöret, rvie noch man-ches andere, zu den Ergänzungen dieser dem ohngeachrecvortrefflichen Statue-
Sollte es möglich seyn, daß man dieses in Dresden niegewußt hätte? Und doch scheinet es fast. Denn nur bloß ver-gessen können weder die Gelehrten noch die Künstler daselbsteinen Umstand haben, auf den, bey allen Vermuthungen, wasdie Statue vorstellen soll, es einzig und allein ankömmt.
Indeß habe ich weder diesen noch jenen nöthig, meine Be-hauptung wcitläuftig zu erweisen. Herr Casanova und dieKünstler haben das Werk selbst vor sich, das sie nach ihrerKenntniß des Alten und Neuen nur etwas genauer prüfendürfen. Die Gelehrten aber werden mir leicht auf die Spurkommen, und es bald heraus haben, worauf ich mich gründe.Denn wahrlich verlohnt es sich kaum der Mühe, daß ich esihnen sage: ob es sich schon sehr der Mühe verlohnet, die Sacheselbst wieder allgemein bekannt zu machen.