Ueber die so genannte Agrippine, unter denAlterthümern zu Dresden .
17 7 1.°)
Eine weibliche sitzende Figur, über Naturs Größe, dasHaupt gestützet auf die rechte Hand, wird unter den Alterthü-mern zu Dresden für eines der schönsten und vollkommenstenWerke gehalten, und hat von langer Zeit den Namen einerAgrippine geführt.
Ulinkelmann selbst ließ ihr diesen Namen; und sagte:„daß ihr schönes Gesicht eine Seele zeige, die in tiefe Betrach-tungen versenkt, und vor Sorge und Kummer gegen alle äu-„ßere Empfindungen fühllos scheine. Man könnte muthma-„ßen, setzte er hinzu, der Künstler habe die Heldin in dem„betrübten Augenblicke vorstellen wollen, da ihr die Verweisung„nach der Znsel Pandataria war angekündigt worden."
Woran aber dann und wann ein Kenner nur gezweifelt,das hat vor Kurzem Herr Lasanov« sin seiner Abhandlungüber verschiedene Denkmähler der Dresdner Antikensammlung)ausdrücklich vestrittcn; nicht ohne Verwunderung über Winkel-manncn. „Auch Vvinr'elmann, sagt er, legt dieser Statue„den Namen einer Agrippine bey: denn auch er ist biswei-len von der Seuche der Antiquare befallen worden, welche„die Kenntniß der Künste aus der bloßen Lektüre besitzen,„und deren Auge eben nicht der feinste Sinn ihres Körpers ist."
Unstreitig wird ein Gelehrter, ohne ein feines Auge, ausbloßen Büchern, in Dingen dieser Art oft sehr falsch urthei-len. Aber ist denn das feine Auge ganz untrüglich? Undsollte es nicht möglich seyn, daß ein Mann, der sich das aller-feinste Auge zutrauet, ohne Zuziehung schriftlicher Nachrichten,nicht eben so falsche Urtheile fällen könnte?
Herr Lasanova sagt: „die Statue kann keine Agrippine„seyn, weil der Kopf keinem andern Kopfe der Agrippine,„weder auf Münzen, noch an der berühmten Statue der sitzen-„den Agrippine in Rom, gleichet."
°) Aus der Braunschwcigischcn Zeitung, St. 68 vom Z. 1771, in den zehntenTheil der Lcssingischcn Schriften (1792) aufgenommen und danach hier gedruckt.Lessings Werke VIII. Z4