Frankreichs rücksichtsloses Vorgehen in Marokko
und auch in Unterhaltungen mit dem französischen Bot-schafter in Berlin keinen Zweifel daran, daß durch dasVorgehen Frankreichs die Algeciras-Akte tatsächlich be-seitigt und dadurch der deutschen Regierung freie Handgegeben sei. Die deutsche Politik hatte nicht die Absicht,die von ihr als wiedergewonnen festgestellte Handlungs-freiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zuintervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreichüber Marokko nunmehr zu einem direkten Abkommen zugelangen, wie es Frankreich vor Algeciras mit England,Spanien und Italien abgeschlossen hatte. Allerdings warKiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegender Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-franzö-sischen Abkommen vom Februar 1909 einfach in die Taschestecken zu lassen, ohne daß mit Deutschland darüber auchnur ein Wort gesprochen würde. Eine solche Verwirklichungder alten Delcasseschen Politik der Ignorierung Deutsch-lands, über die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommenhinaus, war Kiderlen entschlossen, unter allen Umständenzu verhindern.
Das Gelbbuch, das die französische Regierung später ver-öffentlicht hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindring-lichkeit Kiderlen dem französischen Botschafter in Berlin,Jules Cambon, schon vor der Besetzung von Fez Vorschlägewegen einer Verständigung nahelegte. Schon am 14. März1911 sagte — nach Ausweis des Gelbbuchs — Sir EdwardGrey zu dem französischen Botschafter in London, Paul
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