— 2 —
werden, dnß die Mcicht des Präsidenten eine sehr beschränkte ist, dcißer nur ein aufschiebendes Veto besitzt, das durch die erneuerte Ent-scheidung einer Zweidrittel-Majorität des Kongresses hinfällig wird unddaß die gesetzgebende Macht im wesentlichen in den Händen des Senatsund Repräsentantenhauses liegt. Die Mitglieder des ersteren werdendurch die gesetzgebenden Körperschaften der einzelnen Staaten für sechsJahre, die des letzteren durch direkte Wahlen in den einzelnen Staatenfür zwei Jahre erwühlt; es kann sich daher leicht ereignen, daß dieMajorität eines oder beider Häuser des Kongresses einer andern Parteials der Präsident angehört, in welchem Falle die politischen oder sonstigenAnsichten des letzteren eine praktische Bedeutung nicht besitzen. DieSache wird aber dadurch noch verwickelter, daß auch die Zusammen-setzung der Kongresse der Einzelstaaten einen Einfluß auf die Zusammen-setzung des Senats der Vereinigten Staaten hat, da dieselben dieSenatoren ernennen und von letzteren in jedem zweiten Jahre einDrittel ausscheidet und durch neugewählte ersetzt wird. Die Majoritätim Senat kann sich daher ebenso wie die im Repräsentantenhausewährend der vierjährigen Amtsdauer eiues Präsidenten vollständig ver-schieben.
Diese komplizierte Wahlmaschinerie und die sortdauernd wieder-kehrenden Wahlen haben es dahin gebracht, daß die Beschäftigung mitden Wahlen sowie die Leitung und Verwertung derselben fast aus-schließlich das Geschäft zünftiger Politiker geworden ist, die in denVereinigten Staaten unter dem Namen „Boß" am besten mit „Macher"übersetzt, bekannt sind. Daß dadurch die Ursprünglichkeit der Ent-scheidung durch die Wühler sehr leidet, daß Bestechungen, wenn auchnicht immer mit Geld, so doch mit einträglichen Posten und Aemternnachdem Erfolge („dem Sieger gehört die Beute" heißt es), gang undgäbe sind und daß der Ausfall der Wahlen vielfach mehr das Ergebniseines Geschäfts als der spontane Ausdruck der Ansichten der Wählerwird, ist unzweifelhaft, aber die Verhältnisse haben es mit sich gebracht,daß dem „Boß" ein sehr wesentlicher, wenn nicht der Hauptanteil andem Ausgang der Wahlen zufällt, wenn auch in einzelnen FällenGefühls- oder Entrüstungsausbrüche die feinsten Pläne der Macherüber den Haufen geworfen haben. Nach der Meinung der Verfasserder Konstitution der Vereinigten Staaten sollten die Wahlen sehrwesentlich zur Erziehung des Volkes beitragen und so die Entscheidungüber die für das Wohl der Republik wichtigsten Fragen nicht in dieHände einer unwissenden Menge, sondern wohl unterrichteter Wühlergelegt werden. Wenn die Sachen sich ganz anders gestaltet haben, soliegt dies einerseits daran, daß dergleichen politische Probleme im Kopfeder Idealisten, die Konstitutionen verfassen, ganz anders aussehen, alssie sich hinterher in der Wirkliches zu entwickeln Pflegen, andererseitsaber auch an der Thatsache, daß diejenigen Kreise der Bevölkerung,denen die Erziehung der Massen hätte hauptsächlich zufallen sollen, ausMangel an Zeit, ans Trägheit und aus dem Widerwillen vor der